Fußball-EM (4): Kiew gelb und blau

Nach der Partie Frankreich – England (18 Uhr, Donezk) greifen heute Abend mit der Ukraine und Schweden die letzten beiden Teams ins EM-Geschehen ein. Das Olympiastadion von Kiew wird ab 20.45 Uhr fest in gelb-blauer Hand sein – was nicht nur daran liegt, dass die Ukraine ihr erstes von mindestens drei „Heimspielen“ austrägt, sondern auch daran, dass der heutige Gegner gewöhnlich in denselben Farben aufläuft.

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Gelb und Blau, das sind sowohl die schwedischen als auch die ukrainischen Farben. Gemäß der UEFA-Ansetzung hat die Ukraine heute nicht nur faktisch, sondern auch „auf dem Papier“ ein Heimspiel, weshalb die Schweden heute in Ausweich-Trikots werden antreten müssen. Die Fußball-Bürokratie hätte durchaus auch vorsehen können, dass die Ukraine heute in ihrer eigenen Hauptstadt Kiew als Gastmannschaft antritt – am 19. Juni gegen England in Donezk wird das gemäß Spielplan beispielsweise der Fall sein, ebenso wie Polen am 16. Juni in Breslau offiziell gastiert, während die Tschechen dann das Heimrecht genießen. Auswirkungen hat dies beispielsweise auf die Zuordnung der Kabinen im Stadion – und eben auch auf das Privileg, bei Farbengleichheit mit dem Gegner das eigene Heimtrikot tragen zu dürfen.

Kommen wir vom Organisatorischen zum Sportlichen. Die Ukraine, neben Polen zweiter Gastgeber der diesjährigen EM, ist zum ersten Mal überhaupt bei einer Euro-Endrunde dabei. Bei den vorangegangenen vier Versuchen scheiterte man jeweils bereits in der Qualifikation, die diesmal nicht zu absolvieren war – denn Gastgeber sind bei Europameisterschaften stets gesetzt. Bei Weltmeisterschaften hat es das noch junge Land bislang ein einziges Mal in eine Endrunde geschafft: 2006 in Deutschland erreichte das Team immerhin das Viertelfinale und scheiterte dort am späteren Weltmeister Italien. Wenn wir die Erfolge der ukrainischen Fußball-Nationalmannschaft nun aber auf die Zeit seit der Unabhängigkeit reduzieren, wird das dem Land aus sportlicher Sicht nicht unbedingt gerecht. Die Ukraine war von 1930 bis 1990 Teil der Sowjetunion – und ukrainische Spieler waren mehrfach maßgeblich am Erfolg der UdSSR-Nationalmannschaft beteiligt. Einen „Sonderfall“ gab es im Jahre 1994: Die Ukraine war zu diesem Zeitpunkt längst unabhängig, doch gab es – nachdem 1992 zunächst kurzzeitig ein Team der GUS (= Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) etabliert wurde, noch keine eigene Fußball-Nationalmannschaft und keine offizielle Mitgliedschaft im Weltverband FIFA. Deshalb traten bei der WM ’94 in den USA insgesamt vier ukrainische Fußballspieler für Russland an.

Allein neun Spieler des 23-köpfigen EM-Kaders der Ukraine kicken derzeit für Dynamo Kiew – und genießen damit den Vorteil, sozusagen „im eigenen Stadion“ den EM-Auftakt bestreiten zu dürfen. Einer von ihnen ist Andrij Schewtschenko, der Star im Team. Ihm gelangen in bisher 107 Länderspielen seit 1995 immerhin 46 Tore. Noch ein paar Spiele mehr auf dem Konto hat Kapitän Anatolij Tymoschtschuk, der als einer von nur zwei Kaderspielern nicht in der heimischen Liga tätig ist, sondern im Ausland spielt – beim FC Bayern München. Der zweite Legionär ist in der Bundesliga ebenfalls kein Unbekannter: Andrij Woronin spielte die längste Zeit seiner Karriere in Deutschland (Mönchengladbach, Mainz, Köln, Leverkusen, Berlin). Zwischenzeitlich stand er in Diensten des FC Liverpool; inzwischen ist er für Dynamo Moskau am Ball.

Der deutsche Fußball-Rekordnationalspieler Lothar Matthäus findet sich auf der rechten Marke dieses schwedischen Zusammendrucks anlässlich der Fußball-EM 1992. Abb.: Michel-Online-Katalog.

Mit dem heutigen Gegner Schweden stellt sich eine Mannschaft vor, die deutlich mehr Erfahrung vorweisen kann als die der Ukraine. Der 17. der aktuellen FIFA-Weltrangliste hat annäherend 1000 Länderspiele zu Buche stehen – das erste fand im Jahre 1908 gegen Norwegen statt und endete 11:3 (kein Tippfehler). Elfmal waren schwedische Mannschaften bei Fußball-Weltmeisterschaften dabei – 1958 erreichte man den zweiten Platz –, fünfmal bei Fußball-Europameisterschaften. 1992 richetete Schweden die EM selbst aus und kam dabei bis in Halbfinale. Zu den größten sportlichen Erfolgen zählt zweifelsohne der Sieg beim olympischen Fußball-Turnier 1948. Zwei weitere Male kam man bei Olympischen Spielen aufs Treppchen: 1924 und 1952 reichte es jeweils für „Bronze“. Das alles ist lange her, und die jüngsten Bilanzen der schwedischen Auswahl lesen sich im Gegensatz zu früheren Erfolgen eher bescheiden. Immerhin: Seit 2000 war Schweden bei allen EM- und WM-Turnieren in der Endrunde dabei, mit einer Ausnahme: 2010 in Südafrika reichte es nicht für die Runde der letzten 32. Damals musste man sich in der Qualifikation Portugal und Dänemark geschlagen geben. Im aktuellen Kader sticht auch bei den Schweden ein Spieler besonders hervor – Zlatan Ibrahimovic ist seit mittlerweile über einem Jahrzehnt so etwas wie das Aushängeschild des schwedischen Fußballs. Sein sportlicher Weg führte ihn durch die Top-Ligen Europas: Ajax Amsterdam, Juventus Turin, Inter Mailand und der FC Barcelona zählten zu seinen Brötchengebern. Derzeit geht der 30-Jährige für den AC Mailand auf Torejagd – und natürlich für sein Land. Zu den Mitspielern des schwedischen Superstars mit bosnisch-kroatischen Wurzeln zählen etwa Mikael Lustig von Celtic Glasgow, Kim Källström von Olympique Lyon und Markus Rosenberg von Werder Bremen – fast alle schwedischen Nationalspieler spielen im Ausland und nicht mehr in der relativ schwachen schwedischen Liga, was sicher auch daran liegt, dass Fußball in Schweden kein typischer Männersport ist wie in vielen anderen Ländern. Frauenfußball steht hier zwar sehr hoch im Kurs – so gilt denn auch die schwedische Liga als eine der besten der Welt –, bei den Männern hat aber Eishockey relativ deutlich die Nase vorn. Eine kleine Anekdote, die dies unterstreicht: Bei einer Parade im Rahmen der kürzlich abgehaltenen Feierlichkeiten in Trelleborg wurde ein örtlicher Fußballverein überwiegend von Mädchen repräsentiert. Dieses Bild wäre hierzulande wohl eher ungewöhnlich.

Schließen wir auch unsere heutige Folge mit der üblichen philatelistischen Einordnung der beiden Kontrahenten. Für die Ukraine kennen wir bislang 1232 Michel-Nummern (darunter 93 Blocks, Stand: März 2012), wobei die ersten 70 Hauptnummern aus den Jahren 1918 bis 1923 stammen. Bei MiNr. 5 bis 65, ausgegeben 1918, handelt es sich um russische Marken mit ukrainischem Aufdruck. Die ersten Marken nach der Unabhängigkeit erschienen dann am 1. März 1992, beginnend mit MiNr. 71. Schweden hat derzeit etwa 2900 Katalog-Hauptnummern gemäß Michel-Nummerierung, darunter (übrigens genau wie die Ukraine) fünf Sätze mit Fußball-Bezug. Aus deutscher Sicht besonders interessant dürfte ein schwedischer Zusammendruck aus dem EM-Jahr 1992 sein, den wir Ihnen hier auch präsentieren (siehe oben rechts). Auf der rechten der beiden Marken, MiNr. 1713, ist hinter dem schwedischen Spieler Tomas Brolin ein deutscher Kicker zu sehen: Lothar Matthäus. Dieser nahm an der auf den Marken beworbenen Europameisterschaft in Schweden jedoch verletzungsbedingt gar nicht teil. Er musste als Zuschauer verfolgen, wie „sein Team“ im Halbfinale den Gastgeber mit 3:2 besiegte. Weniger Tage später scheiterte Deutschland dann jedoch im Endspiel an Dänemark.

Zur Seriosiät der schwedischen Ausgabepolitik schreibt das Briefmarkenversandhaus Sieger in seinem Wert-Check: „Ein abwechslungsreiches und empfehlenswertes Sammelgebiet.“ Ein Qualitätsmerkmal sei, dass die schwedischen Briefmarken noch zum großen Teil im hochwertigen Stichtiefdruckverfahren hergestellt werden. Der durchschnittliche Monatsaufwand liege bei 6,90 Euro, was die Wertnote „2“ mit sich bringt. Fast noch besser klingt die Bewertung des Sammelgebiets Ukraine (ebenfalls Wertnote „2“ / Monatsaufwand 2,90 Euro): „Eigenständige Markengrafik, schön gezeichnete Motive, hohe Druckqualität und niedrige Nennwerte – ein Sammelgebiet, das man empfehlen kann.“ Einigen wir uns auf ein Unentschieden – 1:1.

 


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Verfasst von: Torsten Berndt

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