Marke der Woche: Piiiieps!

Gestickte MarkeEs gibt ja bekanntlich nichts, was es nicht gibt. Das weiß auch der Philatelist, der sich immer wieder mit der geballten Kreativität von Markendesignern, Druckereien und Postverwaltungen konfrontiert sieht. Duftmarken sind heutzutage keine Eilmeldung mehr wert, auch besticktes oder mit Holzsplittern, Asteroidenstaub und Vulkanasche appliziertes Papier kann faszinieren, aber atemloses Staunen vermag es nicht auszulösen. Wenn hingegen stimmt, was der aktuellen Presseinformation der ungarischen Post zu entnehmen ist, wird 2012 ein vollkommen neues sensorisches Kapitel der Philatelie eröffnet. Aber der Reihe nach. (…weiter…)

Duftende MarkeAm 6. Juli 2012 erschien die ungarische Sondermarkenausgabe zum 85. Tag der Briefmarke. Gastgeberin der Festivitäten ist die Kleinstadt Kalocsa, eingebettet in eine Agrarregion, die vor allem im großen Stile Paprika produziert. Folglich ist es nur stimmig, dass die beiden Einzelwerte der Ausgabe einerseits mit einer regionaltypischen Stickerei versehen sind, andererseits den Duft von Parika verbreiten. Aber der Markenblock hat es in sich, also in seinem Papier genaugenommen: den Anti-Stokes-Leuchtstoff. Mr. George Gabriel Stokes, ein irischer Mathematiker und Physiker, hatte sich im 19. Jahrhunder mit den Eigenschaften der Fluoreszenz auseinandergesetzt und etwa das Prinzip der lichtinduzierten Schwingungen im wahrsten Sinne des Wortes durchleuchtet. Schwingungen gibt es aber bekanntlich nicht nur im Lichtspektrum, sondern auch ganz prominent in der Akustik. Und hier beißt sich die kausale Schlange in den Schwanz: Beleuchtet man den Block mit der Prüflampe „Horus 1019“, leuchtet ein grüner Schriftzug auf. Wird hingegen das Prüfgerät „Radir 2029“ eingesetzt, wird der Stoff in akustisch wahrnehmbare Schwingungen versetzt. Kurzum: es piepst im Block.

Piepsende MarkeDieses Phänomen bleibt zwar vorerst einem eher kleinen Kreis von Ingenieuren und Prüfern vorbehalten, die Perspektive jenseits dieses ungarischen Rubikons könnte einem jedoch Angst und Bange werden lassen. Man stelle sich den Philatelisten der Zukunft vor, der inmitten seiner Alben sitzt und sich fürchtet, seine Lampe einzuschalten, da sein Studierzimmeridyll dann unweigerlich mit einer Kakophonie piepsender und quietschender Laute erfüllt würde. Sprechende und singene Sondermarken, versteckte Werbebotschaften, politische und religiöse Indoktrinationen – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, der Physik hoffentlich schon. Aber kurios ist es allemal. Man darf gespannt sein, was die Briefmarken der Zukunft bringen…

Nachtrag vom 17. Juli 2012: Große Erleichterung macht sich breit. Die ungarische Postverwaltung hat sich noch einmal gemeldet. Das Piepsen ertönt offensichtlich doch nur im Prüfgerät und nicht – wie die Presseinfo suggerierte – aus dem Block. Aber dennoch: Obacht bleibt geboten. 2012 sind wir noch einmal von einer Duftmarke zur Fußball-Europameisterschaft verschon geblieben, aber irgendwo in den kreativen Schmieden der Markendesigner lauern bereits künftige verkaufsteigernde Innovationen, von denen man vermutlich so manche lieber nicht im eigenen Album haben möchte…


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Verfasst von: Jan Sperhake

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