Marke der Woche: Tut Buße? Nein!

Dickens_Weihnachtsgeschichte_Briefmarke

Diese Woche erscheint auf der Kanalinsel Jersey eine Sondermarken-Reihe zur „Weihnachtsgeschichte“ Charles Dickens. Wie kaum ein anderes modernes Werk vermag dieses kleine Büchlein, den Leser auf die Frage nach dem wahren „Geist der Weihnacht“ hinzuführen. Kein Wunder, kommen doch immerin gar drei dieser Geister in der Handlung vor. Diese sind der Geist der vergangenen Weihnacht, der Geist der gegenwärtigen und der Geist der zukünftigen Weihnacht. Sie alle besuchen den herzlosen Geizhals Ebenezer Scrooge und führen ihm sein Tun und die daraus resultierenden Folgen für seine Mitmenschen vor Augen und – diese Erkenntnis trifft den Mann hart – die Tatsache, dass derjenige, der sich von den Menschen abwendet, am Ende aus deren Gemeinschaft ausgeschlossen leben und sterben muss. (…weiter…)

Dickens_Geisterstunde_BriefmarkeUnd so wird das Fest der Liebe für den alten Scrooge zum Augenblick der Rückkehr in die Gesellschaft. Seine neu gewonnene Barmherzigkeit vertreibt die Hartherzigkeit. Er denkt um. Umdenken ist eines der zentralen Themen der Bibel, es wird von Christus eingefordert. Aber – und da wundert man sich – dieser Aspekt wurde durch die Übersetzungen der Bibel, insbesondere durch Luther, deutlich verzerrt. „Tut Buße“ heißt es da, der Aspekt von Sünde und Strafe als leitender Dualismus des mittelalterlichen Glaubens rückt in den Vordergrund. Doch noch in der griechischen Übersetzung des Buches ist keine Rede davon. „μετάνοια “ steht dort geschrieben, „Umdenken!“ Denn nur eine veränderte Sicht bringt auch wirklich bessere Taten hervor. Buße und Selbstkasteiung sind kein Garant, neigt der Mensch doch allzuleicht zur theatralischen Darbietung der von ihm geforderten Handlung. Ohne innere Anteilnahme verkommt die Buße zur Geste.

Dickens_Umdenken_BriefmarkeDoch Scrooge, in seinem Inneren berührt, denkt wahrhaft um und beginnt ein neues Leben. Damit gelang dem Autoren eine gleichsam berührende, wie auch zum Nachdenken anregende Geschichte, deren Geister hoffentlich nicht nur zur Weihnachtszeit die Menschen heimsuchen mögen. Denn umzudenken ist weder kompliziert, noch stellt es einen vor unüberwindbare Hindernisse. Einzig die persönlichen Scheuklappen gilt es abzustreifen, um zu erkennen, dass nichts in der Welt „alternativlos“ ist. Selbst Prägungen des Charakter sind nicht unabänderlich. Folgt man Aristoteles Nikomachischer Ethik, bildet sich der  Charakter eines Menschen durch seine Taten. Durch stete Wiederholungen bestimmter Handlungen entsteht eine durch diese Handlungen geprägte Persönlichkeit. Ebenezer Scrooge aber muss durch den Geist der vergangenen Weihnacht noch einmal zurückblicken. Er sieht sich selbst in jungen Jahren und erschrickt darüber, wie sehr sein Leben ihn ins menschliche Abseits geführt hat. Er handelt sofort und beginnt seine Persönlichkeit zu verändern, in dem er Dinge tut, die vorher undenkbar schienen. Und damit verkörpert er vielleicht mehr den Geist der Weihnacht als manch bußfertiger Zeitgenosse.

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Verfasst von: Jan Sperhake

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