Marke der Woche: Kluger Zug

Briefmarke_zur_Befreiung_der_SklavenEine Sondermarke am 1. Januar zu veröffentlichen, das wäre in unserer feiertagshörigen Heimat wohl kaum möglich. In den USA sind die Möglichkeiten bekanntlich unbegrenzt, folglich schafft man es mit der ersten Sondermarke des Jahres vielleicht immerhin, die Philatelisten zum Frühaufstehen zu bewegen… Anlass ist das 150. Jubiläum des Inkrafttretens der Emanzipations-Proklamation. Diese wird in der patriotischen Auslegung als die entscheidende Urkunde Abraham Lincolns zur Befreiung der Sklaven gedeutet. Das ist nicht ganz falsch aus heutiger Sicht, aber damals, am Beginn des dritten Bürgerkriegsjahres, bewogen eher strategische Gründe den Nordstaatenpräsidenten zu dieser Proklamation. (…weiter…)

Denn diese versprach eben nicht allen Sklaven die Freiheit, sondern lediglich den Sklaven der konföderierten Südstaaten. Sie sollten nämlich aufbegehren und damit den viel zu erfolgreichen Süden wirtschaftlich und militärisch unterminieren. Deutlich wird dies durch eine vorangegangene Kongressakte, in welcher erklärt wurde, dass alle Sklaven, die sich den Truppen der Nordstaaten anschlössen, für immer frei seien. Im Übrigen gab es auch unter den Unionsstaaten des Nordens solche, in denen Sklaven gehalten wurden. Diese waren davon nicht betroffen, brauchte man ihre Arbeitskraft ja für die eigenen Belange. Überhaupt war der ganze politische Prozess durch eine Problematik bei der Beute-Vergabe angestoßen worden. Konfisziertes Südstaateneigentum durfte gesetzlich zum Nutzen der Nordstaaten eingesetzt werden, aber was sollte man mit den Sklaven machen? Im Norden fürchteten die Menschen um ihre Arbeitsplätze, wenn all die konfiszierten Sklaven der Wirtschaft zur Verfügung stünden. Lincoln fürchtete nicht ganz zu Unrecht um seine Wiederwahl.

Mit der Proklamation hingegen gelang es dem schlauen Fuchs, den Kriegszielen der Nordstaaten eine moralische Legitimation zu verschaffen, die auch im Ausland schwerwiegende Folgen hatte. Die europäischen Abnehmerländer der billigen Agrarprodukte der Südstaaten konnten vor dem Hintergrund dieses Erlasses nicht mehr ohne weiteres die Sklavenstaaten unterstützen.

Heute Nacht beginnt das Jahr 2013, in dem nicht weniger als 1863 gilt, dass derjenige besser beraten ist, der sich auch das Kleingedruckte anschaut. Denn die großen Lettern, das zeigt die Sondermarke, erzählen stets nur einen Teil der Wahrheit.


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Verfasst von: Jan Sperhake

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