Marke der Woche: Unergründlichkeit

Würden Sie diesem Mann die Welt anvertrauen?Einen Kurzbeitrag über den neuen Papst Franziskus zu schreiben, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit und kann vor allen Dingen eines: gründlich in die Hose gehen… Am 2. Mai erscheint in Rom die erste Sondermarken-Serie zu Ehren des neuen Kirchenführers. Auf vier Fotomotiven wird Franziskus, mit bürgerlichem Namen Jorge Mario Bergoglio, präsentiert. Dabei wählten die Grafiker zwei Porträts heraus, die dem Betrachter einen Seitenblick gewähren, zweimal hingegen blickt Franziskus direkt in die Kamera. Und das macht er gut.

Der andere Blick auf Papst FranziskusKonzentration und Herzlichkeit. Ernst und Heiterkeit. Weder in der Theologie noch in der Philosophie gelten derlei unterschiedliche Zustände als Gegensatz. Papst der Armen? Nun, da gibt es sicherlich Diskussionsbedarf. Wie überhaupt hinsichtlich fast aller Informationen, die der aufmerksame Leser in den vergangenen Wochen aus der allgegenwärtigen Berichterstattung der Medien erhalten konnte. Die Biographie Bergoglios scheint geprägt von Gegensätzen. Sein Engagement für die Armen sticht hervor. Parallel wird ausführlich über seine Rolle während der Militärdiktatur seiner südamerikanischen Heimat diskutiert. Ihm wird schuldhaftes Versagen vorgeworfen, gar bereitwillige Opferung von Ordensbrüdern, gleichzeitig sprechen renommierte Menschenrechtler und Zeitgenossen ihn von jeglicher Schuld frei. Er habe sich hiner den Kulissen für die Opfer des Regimes eingesetzt, zahlreiche Verfolgte in Sicherheit gebracht und – wie er es selbst formuliert – „getan, was ich konnte, um mich für die Entführten einzusetzen, mit dem Alter, das ich hatte, und den wenigen Verbindungen, auf die ich zählen konnte.“ Und hier bricht endlich einmal die vermeintliche Dichtomie, die scheinbare Gegensätzlichkeit der Einschätzungen, auf. „Weder Held noch Komplize“, so kommentierte der britische Journalist Robert Cox, Berichterstatter und selbst seinerzeit in die Fänge der Junta geraten, vor wenigen Wochen diese Episode aus Franziskus Vergangenheit. Und er sekundiert damit jenen beiden Einschränkungen des Papstes, der sich auf sein damaliges Alter und die mangelnden Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten berief. Damit tat Franziskus etwas, was seine Rolle traditionell nicht von ihm verlangt: Er stellt sich selbst auf jene Stufe menschlicher Unzulänglichkeit, von der zu befreien sicherlich kaum ein Zeitzeuge politischer Despotie und Unmenschlichkeit in der Lage ist. Denn Unschuld in einem schuldigen System ist nicht zu bewahren. Zwar kennen Märtyrer keine Kompromisse, aber sie dienen fortan auch nicht mehr den Menschen. Jedoch im Nachhinein seine Rolle zu hinterfragen, ist sicherlich nicht der bequeme Weg. Oder wie Cox es abschließend formulierte: „Ich glaube, dass die Erkenntnis des eigenen menschlichen Versagens ihn zu einem besseren und menschlicheren Papst machen wird.“

Der Papst im AmtDas wäre wünschenswert, ganz gleich, wie sehr das Pontifikat einer grundsätzlichen Reform verschlossen bleibt. Dass ein Papst mit sozialem Engagement nicht den Tempel zu säubern vermag, in welchem er den Vorsitz hat, ist vollkommen klar. Dass er jedoch die Aufforderung Jesu, umzudenken, ein Stück weit anzuschieben vermag, das erschließt sich bereits aus seinen theologischen Schriften, die dahingehend eine im Gegensatz zu Benedikt neue Richtung andeuten könnten. Darin stellt er nämlich die berechtigte Frage nach der Wertigkeit kirchlicher Lehrsätze in Hinblick auf den Glauben. Er fragt, ob die Konzentration auf Dogmen der Sexualität stärker ins Gewicht fallen darf als die Kernbotschaft der christlichen Kirche. Gelänge es ihm damit, den Fokus ein wenig weicher und menschlicher zu fassen, wäre der Kirche sicherlich geholfen. So wie er nicht ausschließt, dass das Zölibat eines Tages an Bedeutung verlieren könne. Nicht, weil er es persönlich für falsch hielte – das tut er nicht und daran lässt er keinen Zweifel – sondern weil es kulturelle Gründe dafür geben könnte. Die kulturelle Individualität der Völker so hoch zu bewerten, ist selbst im Konjuktiv formuliert ein gutes Signal.

Ein Mensch brächte HoffnungFür den Dialog mit dem Islam – eines der vermeintlich drängendsten Probleme unserer Gegenwart – wird Franziskus sicherlich ein besserer Partner sein, als sein Vorgänger jemals sein konnte. Wenn es ihm gelänge, diese Auseinandersetzung aus den Händen der Politiker zu nehmen, könnte er wahrhaft zum Friedensstifter werden. Die Zukunft wird es zeigen, welche Spuren er zu hinterlassen vermag. Bekanntlich sind ja Gottes Wege unergründlich. Die Persönlichkeit des nach seinem Abbild geschaffenen Menschen ist es zweifelsohne auch. Ohne Reue gibt es keine Vergebung. Ohne Schuld auch keine Menschlichkeit, möchte man hinzufügen.


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Verfasst von: Jan Sperhake

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