Marke der Woche: Unmöglicher Traum

Das Eiland Hiva Oa gehört zur Gruppe der Marquesas. Mit etwas über 2000 Einwohnern gehört die Insel, die politisch und postalisch von Französisch Polynesien vertreten wird, zu den größeren des Archipels. Dennoch ist die infrastrukturelle Anbindung aufgrund der entlegenen Lage marginal. Über ein „Postflugzeug“ zu verfügen, war in den 70er-Jahren sicherlich ein Privileg, auch wenn dieser Umstand nicht etwa einer besonders üppigen Ausstattung der Postverwaltung geschuldet war, sondern eher dem Zufall. Vielleicht kann man aber auch von Schicksal sprechen. Denn so wie es sicherlich so manchen Briefträger gibt, der davon träumt Elvis Presley oder John Travolta zu sein, so gab es doch vergleichsweise wenig internationale Stars, die in der Postzustellung aktiv geworden sind. Einer von ihnen wurde am 10. Mai von der Post Französisch Polynesiens mit einer Sondermarke geehrt, die wir Ihnen heute als „Marke der Woche“ vorstellen möchten.

Jacques Brel auf Sondermarke aus Polynesien

Der Sänger vor seinem Flugzeug „Jojo“. Dies war der Spitzname seines verstorbenen Freundes Pasquier.

Denkt man an den französischen Chanson, kommt man nicht an Jacques Brel vorbei. Dabei war der Mann Belgier, 1929 als Sohn eines Flamen und einer Brüsselerin geboren. Doch war es in Paris, dass Brel nach langen Jahren des erfolglosen Debütierens seinen Durchbruch schaffen sollte. Der junge Mann hatte bereits früh seine künstlerische Sehnsucht entdeckt, die der Schulabbrecher in der väterlichen Kartonnage-Fabrik ganz und gar nicht zu verwirklichen vermochte. Familiäre Interessenkonflikte, Ausbruch, musikalische Ambitionen und fortwährende Ablehnung waren Stationen auf seinem Weg auf den Olymp, bzw. korrekt in das „Olympia“, jenen legendären Konzertsaal, der für alle großen Unterhaltungsmusiker die zentrale Station in Paris bedeutete. Obwohl sein einziger echter Fürsprecher, Jacques Canetti vom Plattenlabel Philips, für ihn eher die Rolle des Komponisten und Songschreibers sah – er sei einfach zu hässlich für die Bühne – unterstützte er seinen Künstler zuverlässig. Tourneen wurden organisiert und Brel schaffte es auf die harte Tour, sich eine Fangemeinde zu erspielen. Fünf Jahre dauerte diese „Ochsentour“, dann stand Brel endlich im Rampenlicht. Als Aushängeschild des französischen Chansons vermochte er etliche Jahre die großen Konzertsäle zu füllen, bis er 1967 seinen Abschied nahm. Denn der Traum war ausgeträumt, der Höhepunkt erreicht. Brel zog sich zurück und widmete sich neuen Projekten, Musicals und Filmen. Als „Mann aus La Mancha“ spielte er den Don Quijote, stand mit Lino Ventura in „Die Filzlaus“ vor der Kamera und produzierte auch zwei eigene Filme. Der zweite erwies sich als absoluter Misserfolg und Jacques Brel entschied sich für einen weiteren Neuaufbruch.

Er verschrieb sich fortan dem Segeln und dem Fliegen. Eine Weltumrundung gemeinsam mit Tochter und Geliebter scheiterte. Zuerst erreichte ihn die Nachricht eines engen Freundes, Georges Pasquier – langjähriger Gefährte auf seinen Tourneen. Er reiste zurück nach Europa zur Beerdigung. Unmittelbar darauf diagnostizierten ihm die Ärzte Lungenkrebs und entfernten ihm Teile der Lunge. Nun machte sich Brel auf die Suche nach seinem letzten Traum: die Insel seiner Träume. Er sollte sie in Hiva Oa finden, jenem Ort an dem einst auch der Maler Gaugin seinen Lebensabend beschloss. Jacques verbracht hier die letzten knapp zwei Jahre seines Lebens mit seiner Geliebten. Er legte sich eine Twin-Bonanza zu, eine zweimotorige Propellermaschine, und flog sowohl zum Vergnügen als auch im Dienste seiner Inselnachbarn. Krankentransporte und Postflüge ließen die Polynesier den großen Ex-Star in ihr Herz schließen, aber als hilfsbereiten Menschen. Brel, der sich in seiner belgischen Heimat nicht recht wohlgefühlt und in Frankreich oft unverstanden gesehen hatte, fand vielleicht in diesen letzten Jahren die Erfüllung seines „unmöglichen Traums“: einfach nur als Mensch akzeptiert und geachtet zu werden, nachdem man alle Träume von Ruhm und Reichtum hinter sich gelassen hat.


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Verfasst von: Jan Sperhake

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