Marke der Woche: Die Hölle im Kind

Welch Grauen wohnt den Kinderseelen inne! Jeder kennt Geschichten „von früher“, in denen Frösche aufgeblasen, Ameisen mit der Lupe angekokelt oder Fliegen die Beine ausgerissen wurden. Haben Sie schon einmal Kindern beim Streiten zugehört? Da gibt es keine Hemmschwelle, die nicht überschritten wird. Die Gemeinheit ist absolut und erbarmungslos. Wie geht das mit dem klassischen Kinderbild zusammen? Die kleinen, zarten Wesen, deren Sinn für Ästhetik allumfassend ist – „Guck mal, wie schön das glänzt!“ – „Äh, das ist eine plattgetretene Schnecke…“ – „Wie schöööön!“ – „Nein, fass das nicht an!“ – Zu spät, die platte Schnecke wurde bereits mit Klebestift auf ein Stück Papier geklebt und mit Filzstift angemalt… Jetzt stinkt sie.

Kinderseelen_brauchen_HorrorFür diese komplexen Wesen Literatur zu verfassen, ist sicherlich eine der größten und rätselhaftesten Herausforderungen, denen sich Autoren stellen können. Diese von der Muse getretenen Übermenschen des Literaturbetriebs – die sogenannten Kinderbuchautoren – können dabei ganz unterschiedliche Formen der Daseinsbewältigung entwickeln. Astrid Lindgren etwa war sich dieser Existenz am Abgrund bewusst und hat sie schmunzelnd ertragen. Zitat: „…es ist mir selber rätselhaft, wie man so unentwegt mit lauter, zum Teil überdies noch recht verschrobenen Einfällen leben und fast sterben kann“. Der Autor, an den unsere heutige „Marke der Woche“ erinnert, Rudolf Sloboda, verfiel hingegen dem Alkohol und erhängte sich mit einer Fahrradkette. Der Illustrator, der Slobodas Buch „Wie ich ein weiser Mann wurde“ grafisch umsetzte, heißt Tomas Klepoch. Er ist noch am Leben. Doch sein Bild lässt den Betrachter hellhörig werden, so Bilder dies denn vermögen. Der Begriff „hellsichtig“ ist ja bereits vergeben… Kurzum sehen wir auf der slowakischen Sondermarke eine preisgekrönte Abbildung Klepochs aus Slobodans Buch, erstellt in kombinierter Linolschnitt-Spachtel-Technik. Die Jury, die dieser Grafik einen Preis verliehen hatte, tat dies mit dem Argument, man dürfte das ästhetische Wahrnehmungsvermögen der Kinder nicht unterschätzen. Man will es offensichtlich auch nicht unterfordern oder womöglich mit Glücksgefühlen abstumpfen. Dass wir uns nicht falsch verstehen: Das Bild ist beeindruckend. Aber es ist nicht schön sondern grauenhaft in seiner Wirkung. Das darf Kunst auch sein, aber will man sie deshalb im Kinderzimmer aufhängen? Sicherlich würde das Bild gut neben die stinkende Schnecke passen. Und die daraus erwachsenden Alpträume würden dann zum Grundstein einer künftigen Karriere des Zöglings. Zum Beispiel als Kinderbuchautor…

Die Sondermarke erschien am 2. September anlässlich der Biennale der Kinderbuch-Illustratoren in Bratislava.


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Verfasst von: Jan Sperhake

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