Marke der Woche: Stille Herrscher

Estlands_GiftpilzBekanntlich ist die Realität lediglich eine Sache des Blickwinkels. Mancher Potentat wähnte sich als Mittelpunkt des Universums, bis er von vollkommen unerwarteter Seite von seinem Thron gefegt wurde. Man denke an mittelamerikanische Gottkönige, die noch nicht einmal eine Vorstellung davon hatten, dass es so etwas wie eiserne Rüstungen und Musketen überhaupt geben könnte. Dieses Beispiel ist nicht abfällig gemeint. Es ist vielmehr getreu der menschlichen Natur gewählt. Denn wo auch immer, wann auch immer und warum auch immer: Wir neigen alle stets dazu, uns für die Krone der Schöpfung zu halten. Die Christen des Mittelalters, die Aufklärer der Neuzeit, die europäischen Kolonialisten und heute eben die smarten, modernen Bewohner der Industrienationen, die Kraft ihrer Fortschrittlichkeit Anspruch auf die universelle Deutungshoheit postulieren.

Was aber, wenn diese Wertesysteme mit etwas vollkommen Andersartigem in Kommunikation treten? Und dieses Andere antwortet lediglich: „Ich verstehe Dich nicht. Deine Worte machen für mich keinen Sinn“? Im günstigsten Fall gehen beide Arten getrennte Wege, im ungünstiges stehen sie sich auf den Füßen und die Situation eskaliert. So richtig schwer einzuschätzen ist die Lage aber, wenn beide Seiten einfach ihren persönlichen Weg fortsetzen, dabei aber auf verschiedenen Ebenen in die Lebensräume des Anderen vordringen.

Ameisen haben IntelligenzSeit einigen Jahren zeigen sich europäische Biologen besorgt über die Ausbreitung der Argentinischen Ameise. Diese hat im Süden unseres Kontinents Super-Kolonien über eine Länge von 6000 Kilometern errichtet. Gleiches wurde in den östlichen USA und Japan beobachtet. Die Folgen für die jeweiligen Ökosysteme sind nicht absehbar. Dass abrupte Veränderungen der Umwelt auch uns Menschen betreffen, haben wir zwar noch nicht endgültig realisiert. Aber das interessiert die Ameisen wenig.
Noch rätselhafter wird es, wenn die betreffende Lebensform für den Menschen unsichtbar agiert. Der größte lebende Organismus ist etwa ein Honigpilz aus der Gattung der Hallimasch. Pilze sind keine Pflanzen, zählen aber auch nicht zu den Tieren. Sie sind eine eigenständige Lebensform. Das benannte Exemplar im Osten des US-Bundesstaates Oregon hat eine Größe von rund 900 Hektar und ist geschätzte 2400 Jahre alt. Seine zerstörerische Wirkung hat dieser Riesen-Pilz bereits lange entfaltet – Wälder sterben ab, Plantagen werden vernichtet – aber erst jüngst wurden die tatsächlichen Zusammenhänge mit dem Riesen-Oganismus belegt. Genetische Untersuchungen konnten nachweisen, dass ein und dieselbe Lebensform an weit entfernten Orten Nutzpflanzen zum Sterben brachte und die Biomasse der Opferpflanzen anschließend zur eigenen Ausbreitung nutzte.

Ob andere Lebensformen die menschliche Hybris von der Einzigartigkeit ihrer Fähigkeiten teilen, mag bezweifelt werden. Tatsächlich aber entscheidet am Ende der Überlebende, wer sich denn nun die Erde Untertan gemacht hat. Angesichts der beschriebenen Lebensformen könnten und sollten einem Zweifel kommen.

Unsere „Marke der Woche“ zeigt ein kleines und unscheinbares Pilzlein. Estland würdigte am 12. September den Grünen Knollenblätterpilz. Dieser Pilz zählt zu den für den Menschen giftigsten Arten, ein einziger kann bereits tödlich wirken. Irreversibel schädigt er die Leber des Betroffenen, sodass dieser innerhalb von zehn Tagen stirbt. Der gigantische Hallimasch ist glücklicherweise nicht giftig. Aber am Ende überlebt er uns noch alle.


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Verfasst von: Jan Sperhake

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