Marke der Woche: Geknechtete Kunst

Musiker der Herzen auf Briefmarke

Leere Notenblätter verweisen auf den viel zu frühen Tod des Künstlers.

Es heißt immer so schön, tot sei nur derjenige, der von seinen Mitmenschen vergessen wurde. Wenn das wahr ist, dann haben wir es auf unserer heutigen „Marke der Woche“ mit einem sehr lebendigen Menschen zu tun. Denn am heutigen Montag ehrt die estnische Postverwaltung mit einer Sondermarke den Musiker und Komponisten Raimond Valgre, der heute seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Valgres Lieder gelten bis heute als estnisches Allgemeingut, denn kaum ein Künstler hat so erfolgreich die Schönheit Estlands und vor allen Dingen die Liebe in Estland besungen.

Am 7. Oktober 1913 als Sohn eines Schuhmachers geboren, entpuppte sich der junge Raimond als wahres Wunderkind. Neben der Violine und dem Klavier beherrschte er auch das Akkordeon, die Gitarre und das Schlagzeug. Aber vor allem seine Texte verzauberten das Publikum, das zum Tango- oder Foxtrott-Rhythmus der Lieder begeistert tanzte. Doch der Zeitgeist sollte ihm das Glück verwehren, welches er kurz zum Greifen nah sah. Obwohl er in Tallin, Tartu und Pärnu großen Erfolg hatte, vermochte er seinem Weg nicht zu folgen. Denn die goldenen Zwanziger, die auch im erst kürzlich von der Sowjetunion unabhängigen Estland eine kulturelle Blüte entfaltet hatten, wurden von der Wirtschaftskrise Anfang der 30er-Jahre beendet. Rechte Kräfte übernahmen zunehmend das Ruder in der Krise. Auch Valgre wurde zum Wehrdienst einberufen. Dort vermochte er noch eine Weile sein musikalisches Talent einzubringen, doch der Hitler-Stalin-Pakt hatte das Schicksal des kleinen Landes bereits besiegelt. 1940 von der Sowjetunion besetzt, 1941 vom nazionalsozialistischen Deutschland erobert und 1944 wieder von der Roten Armee eingenommen, versank die baltische Republik in Krieg und Elend.

Saaremaa-Walzer auf Ersttagsbrief

Valgres Saaremaa-Walzer besang die Schönheit der Ostsee-Insel.

Raimond Valgre überlebte diese Zeit des Schreckens, doch trug seine Seele tiefe Narben davon. Der Musiker kehrte zerrüttet und vom Alkohol gezeichnet aus dem Kriegsdienst in die Heimat zurück. Seine vermeintlich „westliche Musik“ erregte Anstoß bei den Sowjets, sodass seine Lieder 1948 mit einem Aufführungsverbot belegt wurden. Der Künstler zerbrach. In der Silvesternacht 1949 verstarb Raimond Valgre in Tallin. Heute wird seine Musik wieder gespielt. Vielleicht mag dies ein kleiner Trost sein. Aber solange irgendwo auf der Welt Kunst verboten und verfolgt wird, können wir uns nicht an Raimond Valgre erinnern, ohne an seine Brüder und Schwestern zu denken, die sein Schicksal teilten, heute teilen und auch Zukunft teilen werden. Solange ist unser Fortschritt nicht viel wert.


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Verfasst von: Jan Sperhake

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