Marke der Woche: Hühner an Bord

Polynesiens Boote auf BriefmarkenManche Dinge sind so einfach, dass wir sie nicht verstehen. Der Mensch neigt dazu, immer Neues zu entwickeln. Das ist sein Drang und der ist nicht an sich verkehrt. Doch gelegentlich muss der Entdeckergeist verblüfft innehalten, wenn er erkennt, dass etwas Altes, etwas sehr Altes, bereits längst alle Bedürfnisse befriedigt hat. In diesen Momenten ist ein offener Geist gefragt, der das Bewährte zu schätzen weiß, um seine Qualität in seine Zeit zu übertragen. Heute gelten die sogenannten Katamarane als die sichersten Schiffe überhaupt, wenn es darum geht, den Gewalten der See zu trotzen. Kein Schiffstyp vermag hohen Seegang besser zu verkraften als diese auf zwei schlanken Rümpfen das Meer durchpflügenden Schönheiten. Doch sind sie kein Erfolg unserer Schiffsbauer. Es handelt sich vielmehr um eines der ältesten hochseetauglichen Gefährte überhaupt. Unsere „Marke der Woche“ führt uns an den Ursprung zurück.

Erfolgreicher Schiffstyp auf SondermarkeDie Postverwaltung Französisch Polynesiens ehrt am 17. Oktober die Piroge. Dieser Bootstyp bezeichnet einen Einbaum, dessen Seitenwände durch Planken erhöht wurden. Die wichtigsten Innovation muss jedoch den Polynesiern bereits vor über 5000 Jahren gelungen sein, als sie mit einfachen Auslegern die Stabilität dier Einbäume derart verbesserten, dass ihnen anschließend – im wahrsten Sinne des Wortes – die Welt offen stand. Die Herkunft dieser mutigen Seefahrer in prähistorischer Zeit ist bis heute ungeklärt, die moderne Wissenschaft vermutet jedoch ihre Heimat im südchinesischen Meer. Doch ganz gleich, woher sie kamen, die Polynesier besiedelten in den folgenden Jahrtausenden fast den gesamten Pazifikraum. Polynesiens KleinbogenAuf ihren Schlanken Auslegerkanus legten sie unvorstellbare Entfernungen zurück, an denen noch Jahrtausende später so manche europäischen Entdecker auf ihren vergleichsweie riesigen Galeonen scheiterten. Ohne Kompass orientierten sich die Polynesier an Klimazonen und Sternenkonstellationen. Und während der moderne Abenteurer Thor Heyerdal seinerzeit zu beweisen vermochte, dass die Bewohner Südamerikas zumindest praktisch in der Lage gewesen wären, den Pazifik zu überqueren, hat die Wissenschaft jüngst belegt, dass vielmehr die Polynesier bereits vor der Conquista die Inkas besucht hatten. Wie das? Fossile Hühnerbeine aus Südamerika sind eindeutig ihrer Herkunft nach dem polynesischen Huhn zuzuordnen. Folglich kamen diese Hühner bereits vor dem Ei des Kolumbus in die Neue Welt. In diesem Falle kann man also feststellen, dass zuerst das Huhn existierte, nicht das Ei.

Noch ein Sondermarken-KleinbogenFalls sich also der eine oder andere Geschichtslehrer unter den Lesern befinden sollte, wäre es nur fair, wenn man den Wikingerschiffen, der Santa Maria und den prächtigen Galeonen der Spanier und Portugiesen vielleicht noch einen kleinen Einbaum voranstellte, um das gelegentlich sehr europozentrische Weltbild mit ein wenig mehr Ehrlichkeit aufzupolieren, oder?


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Verfasst von: Jan Sperhake

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