Marke der Woche: Macht Schule!

Über Geschmack, Religion und Schul-Pädagogik lässt sich bekanntlich nicht streiten. Alle basieren auf Eingebungen von höherer Ebene und entbehren jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Kritiker dürfen nach Gusto gesteinigt oder eine Klasse zurück versetzt werden. Diesen Eindruck kann man gewinnen, wenn man sich in die Untiefen des bundesdeutschen Schulsystems wagt. Entsprechend agieren die Akteure an der Basis: Die Überzeugtheit des Pädagogen von der Rechtschaffenheit seiner Haltung wird lediglich vom selbstmitleidigen Fokus auf seine „Gestresstheit“ in den Schatten gestellt, sofern diese Substantivierung denn gestattet ist. Es ist ja auch ein Jammertal. Da werden Gehälter und soziale Leistungen bewilligt, die nicht im Entferntesten mit Führungspositionen in der Wirtschaft mithalten können. Darüber hinaus wird erwartet, dass man in den knappen Ferienmonaten auch noch selbstständig weiterarbeitet. Unmenschliche Zustände sind das, die selbst hartgesottenen freiberuflichen Journalisten dicke Tränen des Weltschmerzes in die Augen treiben, bzw. vielleicht auch nicht. Aber das ist ja auch ganz egal, denn unsere „Marke der Woche“ behandelt glücklicherweise das finnische Schulsystem. „Von der Volksschule nach Pisa“ lautet der vollständige Titel. Dabei geht es mitnichten um einen minderjährigen Ausreisser, der sich auf den Weg nach Italien macht, sondern – jetzt wird es wirklich schmerzhaft – um eines der leistungsstärksten und besten Schulsysteme der Welt.

Finnlands Schulsystem auf SondermarkenDie Markenbilder konterkarieren dies grafisch geschickt. Die Abbildungen greifen zurück auf den Fundus nostalgischer Schulsymbole. Man spürt förmlich das arktisch kalte Stethoskop auf der nackten Kinderbrust. Trommel und Schlegel verwandeln den Sporthalle in eine Galeere der Ertüchtigung und die Suppe wird aus einfachen Blecheimer ausgeschenkt. Und so neigen die Knaben demütig ihr Haupt unter der strahlenden Sonne mit dem Schriftzug „Finnland.“

Aber Spaß beiseite: Tatsächlich wird augenscheinlich einiges sehr viel besser gemacht als hierzulande. Zwar werden staatliche Lehrpläne erarbeitet, doch genießen die Bildungseinrichtung große Freiheiten bei der Durchführung und Qualitätskontrolle. Nach der Ausbildung aller Kinder in einer Gesamtschule folgt später die Orientierung in allgemein- und berufsbildende Sekundärstufen. Hier stechen die praxisorientierten Lehrmethoden hervor sowie die weiterhin bestehende Durchlässigkeit des Systems, die einen späteren Wechsel nicht ausschließt. Eine Analphabetenrate von einem Prozent und eine 90-prozentige Abiturrate sprechen für dieses Prinzip. Die aktuellen Ergebnisse der PISA-Studien belegen überdies, dass es sich keinesfalls um eine Dummen-Abitur mit niedrigen Anforderungen handelt. Vielmehr rangieren finnische Schüler in allen Bereichen ganz oben.

Eine offizielle Erklärung dazu lautet, dass die Erfolge des Bildungssystem unter anderem auf der Homogenität der Gesellschaft basierten. Man darf sich aber durchaus die Frage stellen, ob ein nicht-diskriminierendes Schulsystem eventuell auch maßgeblich für diese Homogenität verantwortlich ist. Von der könnte unsere Gesellschaftlich sicherlich auch eine Portion vertragen. Warum also nicht am guten Beispiel der pädagogischen Nordlichter orientieren? Ach nee, geht ja gar nicht. Koalitionsverhandlungen und so, und dann die Wahl in vier Jahren… Wir muckeln besser weiter wie bisher.


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Verfasst von: Jan Sperhake

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