Marke der Woche: Reisfreie Realität

Nordkorea verreistEs ist schon ein Elend mit dem Marketing. Verspricht man dem Kunden eine Lösung, die „bereits seit Jahrzehnten bewährt“ sein soll, steht man bei der Gegenfrage, warum das Problem dann nicht ebenfalls schon seit Jahrzehnten gelöst sei, ziemlich dumm da. Denn warum gibt es überhaupt noch das Problem, wenn die Lösung so einfach ist? In der Pharmazie kann man sich unter Verweis auf sich stets verändernde Problemlagen vielleicht noch rausreden. In der Tagespolitik ist man dazu übergegangen, an der Lösung festzuhalten, aber den Bürger als zu dumm für die richtige Umsetzung zu brandmarken. Aber in der Ideologie? Ja, in der Ideologie hilft nur eines: ignorieren, ignorieren und noch einmal ignorieren. Sollte auch das nicht funktionieren, muss der Kritiker ausgeschaltet werden.

Ein Land, das sich aufs Eliminieren Oppositioneller in gewaltigen Dimensionen spezialisiert hat, ist Nordkorea. Unsere heutige „Marke der Woche“ kommt – theoretisch – am morgigen Dienstag, dem 25. Februar 2014, an die sozialistischen Postschalter. Und das Thema ist eng mit unseren einleitenden Fragen verbunden, denn es lautet: „50 Jahre Veröffentlichung der Sozialistischen Agrarthesen Kim Il Sungs“. These ist ein griechisches Wort und bedeutet soviel wie: Behauptung, die noch eines Beweises bedarf. Das ist auch im Falle der Agrarthesen vollkommen korrekt, denn was sich der Genosse Führer da ausgedacht hat, wird bis heute in keiner Weise bestätigt. Würde ich nun behaupten, das läge daran, dass diese Thesen vor allem großer Unfug sind, sollte ich wohl in Zukunft von einem Urlaub im schönen Nordkorea Abstand nehmen. Bekanntlich kommt man dort für wesentlich unkritischere Behauptungen zu lebenslanger Lagerhaft.

Das Problem bleibt aber dasselbe: Die Schriften von und über Kim Il Sung laufen förmlich über vor Lob. Die Erfolge werden derart bejubelt, dass man ein von Fettleibigkeit und Völlerei gepeinigtes Land vor dem inneren Auge hat. Doch es verhält sich leider andersherum. Bis zu sechs Millionen Nordkoreaner sind vom Hungertod bedroht, so der aktuelle UN-Ernährungsbericht. Jedes dritte Kind ist ernährungsbedingt kleinwüchsig. Mangelkrankheiten breiten sich beständig aus. Schuld sind das Wetter, der Winter, Schädlinge und ähnliche vom kapitalistischen Ausland gesteuerte Naturphänomene. Dass man mit einem Staudammprojekt Anfang der 90er-Jahre auch noch große Teile des knappen Ackerlands geflutet hat, spielt hingegen keine Rolle. Hätte das Volk eben seine Effizienz steigern müssen. Dabei liest es sich so schön: Kim Il Sung „begab sich persönlich in den Kreis Taedong, Bezirk Süd-Phyongan, und viele andere Dörfer, machte sich eingehend mit dem Stand der Bodenreform vertraut und umgab die Bauern mit Liebe und Fürsorge.“ – An dieser Stelle bekommt man schon eine Gänsehaut – „Er besuchte die Gemeinde Songmun im Unterkreis Sijok, Kreis Taedong, und stellte einem Bauern, der lange Jahre Knecht gewesen war, das Haus seines ehemaligen Gutsbesitzers und den besten Boden zur Verfügung; er brachte das persönlich geschriebene Türschild an dessen Haus an, schrieb auch an einen Pfosten den Namen und ließ ihn in den zugeteilten Ackerboden einrammen.“ (Zitat: Kim Il Sung – Lebensabriss, Verlag für Fremdsprachige Literatur, Pyongyang, Korea, Juche 90, 2001).

Doch ganz gleich, ob Kim Il Sung nun den Pfosten, den Namen oder den Bauern in den zugeteilten Ackerboden gerammt hat, das wird nicht so ganz deutlich, scheint diese Art der Reform an einer Schwäche zu leiden: Sie hat überhaupt nichts mit Ertrag und Ernte zu tun. Sie löst auch nicht die Korruption, die die Nahrungsmittel falsch verteilt, und sie verdeckt nur oberflächlich, dass der ehemalige Gutsbesitzer vermutlich erschossen oder ins Lager gebracht wurde. Und um dem ganzen Thema nun endgültig einen surrealistischen Grundton zu verpassen, hat man eine Markengrafik gewählt, die sehr präzise die ideologische Wahnhaftigkeit der Agrarpolitik zum Ausdruck bringt. Alte Traktoren stehen im Kreis um ein gewaltiges Reisbündel, welches wiederum ein Banner trägt, auf dem die schöne Losung verkündet wird: „Reis ist gerechter Sozialismus!“ Bitte was? Das hieße ja im Umkehrschluss: Kein Reis ist kein gerechter Sozialismus, oder? – Wäre es nicht so tieftraurig, könnte man über die Kluft aus Anspruch und Vermögen, zwischen Hybris und Hirn lachen. Aber das muss einem angesichts des unendlichen Leids, das diese Regierung verursacht, im Halse stecken bleiben. Reis ist Reis. Und der gerechte Sozialismus ist eine Staatsform für einen idealen Staat. Der funktioniert aber nur ohne Menschen. Die Führung Nordkoreas ist auf tragische Weise auf dem besten Weg dahin…


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Verfasst von: Jan Sperhake

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