Marke der Woche: Gebläsezungen

Selbstklingendes Unterbrechungs-Aerophon

Selbstklingendes Unterbrechungs-Aerophon, so lautet die korrekte Klassifizierung dieses Instruments.

„Ein Gentleman ist jemand, der ein Akkeordeon zu spielen in der Lage ist, es aber nicht tut!“, so lautet ein jüngst gehörtes Bonmot, welches recht aufschlussreich hinsichtlich der Wertschätzung dieses Instrumentes ist. Das Akkordeon polarisiert – keine Frage. Während es in manchen Kulturen aus der traditionellen Musik nicht wegzudenken ist, beweist es doch immer wieder eine gewisse Impertinenz, wenn es gilt, sich in vollkommen unpassende Musikrichtungen zu verbreiten. Darin ähnelt es der Panflöte, die schon nach wenigen Stunden, selbst gespielt von fachkundigem Indio-Personal, ziemlich auf den Senkel gehen kann, es im Schlager und der Popmusik hingegen kategorisch und mit Vorsatz tut. Unsere „Marke der Woche“ vom 23. April kommt aus dem spanischen Teil Andorras und zeigt ein ausgesprochen pittoreskes Akkordeon. Bei dem auf der Sondermarke gezeigten Exemplar handelt es sich um ein sogenanntes Diatonisches Akkordeon. Beim Ziehen und Drücken spielt es verschiedene Töne. Damit steht es im Gegensatz zum Chromatischen Akkordeon, einem direkten Nachfahren der Schrammelharmonika, welche ihren Namen nicht von der Spielweise sondern von zwei Musikern vererbt bekam, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts das taten, was heute viele Musiker tun: nach klassischer Ausbildung keinen Job finden und zum Überleben Schlagermusik spielen. Auch damals war die Welt schon schlecht.

Die Funktionsweise des Akkordeons basiert auf der durchschlagenden Zunge. Das ist keine Praxis aus den Zeiten der Inquisition. Vielmehr werden durch den Luftzug Stimmzungen in Schwingungen versetzt und erzeugen so den Laut. Ältestes Instrument dieser Art ist die chinesische Sheng, die bereits vor 3000 Jahren Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen vermochte. Sie sieht in etwa so aus wir eine Mischung aus Maschinengewehr und Stalinorgel, wird durch einen Schnabel beblasen und sollte bei Flugreisen niemals im Handgepäck mitgeführt werden. In Europa kreuzte Bernhard „Frankenstein“ Eschenbach 1810 zusammen mit seinem Cousin eine Kirchenorgel mit einer Maultrommel. Heraus kam die Aeoline. Nach weiteren kleinen Mutationen entstand schließlich kurz darauf ein „Accordeon“. 1833 erschien das erste Handbuch zum Erlernen dieses Instruments, aus der Feder eines der produktivsten Kunsthandwerkers des 19. Jahrhunderts, Adolf Müller. Dieser arme Mann komponierte am Fließband für Oper und Operette, über 650 Bühnenstücke sind belegt, kaum originelle Werke, aber viele seiner Melodien entwickelten sich zu veritablen Gassenhauern des zeitgenössischen Schlagers. Er beschrieb das Akkordeon als „vollkommenes Instrument“. Ob er auch für die Gründung des ersten Akkordeon-Orchesters verantwortlich war, ist nicht überliefert. Wussten Sie übrigens, dass eines der erfolgreichsten Akkordeon-Orchester der „Fredéric Chopin-Musikschule“ in Marienbad entstammt. Wenn das der Namenspatron wüsste…

Sprechendes Akkordeon aus Tristan da CunhaTatsächlich hat sich das Akkordeon jedoch in einigen Musikstilen sehr erfolgreich beweisen können. Der französische Chanson oder der argentinische Tango sind ohne undenkbar. Gleiches gilt für die Cajun-Musik. Und nun kommen wir noch zu unserem abschließenden Nazi-Vergleich, den wir selbstverständlich unserem Finanzminister Wolfgang Schäuble widmen. Denn wer lauschte dem größten Akkordeon der Welt? Ja, richtig! So wie das Großdeutsche Reich in allen Dingen nach Superlativen strebte (Lebensraum, Unmenschlichkeit, Tierliebe), so reisten von 1938 bis 1940 sechs Damen mit dem größten Akkordeon der Akkordeon-Geschichte durch das Reich und unterhielten die Granden mit bis zu 100-stimmigen Superklängen. Allerdings kamen die Damen wohl derart in Wallung, dass sie das Instrument mit einem elektrischen Gebläse austatten lassen wollten. Glücklicherweise wurde dieses Unterfangen vom Verlauf des Zweiten Weltkriegs verhindert, sonst wäre das ultimative selbstklingende Unterbrechungs-Aerophon vermutlich bei Guido Knopp als tückischste Geheimwaffe Hitlers porträtiert worden. Nun aber steht es im Museum von Markneukirchen, und da steht es gut…


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Verfasst von: Jan Sperhake

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