Marke der Woche: Der renovierte Zoo von Parüssel

Kaum eine Thema wird so kontrovers diskutiert wie die Existenzberechtigung des Zoos, wenn man einmal von der GEZ, der Vergnügungssteuer, der Prohibition oder den Gehältern der Europaparlamentarier absieht. Kritiker echauffieren sich über nicht artgerechte Haltung, sprechen gar von Quälerei, Befürworter nennen wiederum gern den Schutz gefährdeter Lebensformen, die in der freien Wildbahn kaum noch eine Überlebenschance hätten. Damit ergibt sich zumindest eine gewisse Parallele zu den Zootieren. Auch für ihren Unterhalt zahlen die Zuschauer, dafür weiß man aber, auf welcher Seite der Gitterstäbe man steht.

Der Pariser Zoo auf aktuellen Sondermarken

Hier wurde zusammengefügt, was nicht zusammen gehört, im Gegensatz zum echten Zoo.

Unsere heutige „Marke der Woche“ stammt nicht aus Brüssel, sondern aus dem schönen Paris. Dort feiert La Poste am 15. Juni die Wiedereröffnung des Parc Zoologique, einem der traditionsreichsten und beliebtesten Anziehungspunkte der französischen Hauptstadt. 1934, also vor 80 Jahren, eröffnete dieser Zoo seine Pforten für das schaulustige Publikum. Hervorgegangen war er aus der Pariser Kolonialaustellung von 1931, in deren Rahmen 30 Millionen Besucher die heilsbringenden Einflüsse des Kolonialismus präsentiert wurden. Aufgrund des großen Erfolges setzte man diese Form der Austellung mithilfe von Tieren fort, nachdem die menschlichen Anschauungsobjekte wieder zurück in ihre Heimat verschifft worden waren. Das neue Konzept brachte immerhin Albert Londres und André Gide zum Schweigen, die sich publizistisch bemüht hatten, den Menschen die Augen hinsichtlich der wahren Folgen der Kolonialherrschaft zu öffnen. Tiere können nicht sprechen und sie sehen sehr hübsch aus. Das ist angenehm. Tatsächlich gibt es aber sehr viele verschiedene Zoo-Konzepte, und den Parisern muss man anrechnen, dass sie sich von Anfang an der modernen, lebensraum-nahmen Gestaltung verschrieben hatten. Die Areale waren durch naturähnliche Hindernisse, Wassergräben und Felsformationen getrennt. Die Besucher wähnten sich inmitten einer exotischen Welt ohne Gitterstäbe. Gleichzeitig ergriff man früh die Chance, vom Aussterben bedrohte Tierarten durch Zuchtprogramme zu bewahren. Rotbauchmaki und Larvensifaki haben ihrer Heimat kaum noch eine Überlebenschance, in Brüssel hingegen können sie unbekümmert ihren Schabernack treiben. Verzeihung, gemeint war natürlich: in Paris.

Doch auch der modernste Zoo verliert sein Attribut, wenn die Jahrzehnte ins Land gehen, und so beschloss man, den alten Zoologischen Garten grundlegend zu renovieren. Da man im Gegensatz zu anderen Großbaustellen die Affen im Käfig ließ, konnte diese Neugestaltung nach nur sechs Jahren abgeschlossen werden. Dabei sind zwar augenscheinlich rund die Hälfte der Tiere abhanden gekommen, heute leben etwa 1000 Bewohner im Zoo, dafür wurde bei der Gestaltung der Biotope nicht gespart. In den Mikro-Ökosystemen Sahel-Sudan (ohne Süd-Sudan), Europa (ohne Brüssel), Guyana (ohne Todesstrafe), Madagaskar (ohne die Dreamworks Animation Studios) und Patagonien leben verschiedene Arten in den ihnen vertrauten Ökosystemen gemeinsam und lassen die Besucher einen Eindruck der dortigen Fauna erheischen.

Den Gäste wird darüber hinaus noch ein weiteres Angebot gemacht, um mit ihrem Zoo ein inniges Verhältnis einzugehen. Tierpatenschaften in Form von regelmäßigen Geldspenden binden die Besucher an „ihren Tomatenfrosch“ oder „ihr Manati“, und gleichzeitig spart man so Kosten für den Unterhalt. Wer genug zahlt, bekommt mitunter sogar freien Eintritt. In der Hinsicht ähnelt der Pariser Zoo denn nun tatsächlich dem Europaparlament.


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Verfasst von: Jan Sperhake

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