„Spaß und Freude, niemals Stress“

Ein Philatelist ergriff die Initiative und traf Vorsorge

Markenheftchen Deutsche Bundespost Berlin mit Zaehlbalken

Philatelisten sehen natürlich sofort den Zählbalken, der den Wert des letzten Berliner Heftchens, MiNr. MH 15, fast verdoppelt. Laien dürfte die Besonderheit auch dann entgehen, wenn ihnen der Vater oder Großvater des Öfteren seine Sammlung gezeigt hat.

Geben wir ihm einen Allerweltsnamen. Der spielt nämlich keine Rolle, ebenso wenig die Biografie.
Gerhard wurde um 1930 geboren. Sein Berufsleben absolvierte er mit durchschnittlichem Erfolg, ebenso durchschnittlich fiel sein Gehalt aus. Da er sparsam lebte, konnte er sich ein kleines Reihenhäuschen in einer normalen Wohngegend leisten. Natürlich bildete er auch Ersparnisse, doch basiert seine Altersversorgung, wie in der Generation üblich, auf der gesetzlichen Rente. Einiges Geld investierte er in seine Sammelleidenschaft.
In erster Linie trug er Briefmarken zusammen. Daneben nennt er eine größere Münzsammlung sein eigen. Zu den Briefmarken fand er bereits in der Kindheit. Seine Eltern sammelten zwar selbst eher nebenbei, doch förderten sie Gerhards Interessen, soweit es die Zeiten zuließen. Daher steckten schon zum Ende des Zweiten Weltkrieges einige heute wertvollere Marken und Blocks in seinen Alben. Gewiss nicht zu unterschätzen war dabei die Ablenkung, die ihm die Philatelie während der Jahre des Luftkrieges über Berlin bescherte. „Wenn ich im Postamt neue Briefmarken kaufte oder einfach einen schön frankierten Brief aufgab, dann vergaß ich das alles um mich herum“, erzählt er noch heute.

Diese Einstellung bewahrte er sich auch in den Monaten und Jahren nach Kriegsende. Der Kampf um das tägliche Überleben und der Wiederaufbau bestimmten den Alltag, und dennoch schaute Gerhard, wann immer es ihm möglich war, im Postamt vorbei. Dank der in den Jahren zuvor erworbenen philatelistischen Kenntnisse erkannte er natürlich, dass er eine Epoche der Provisorien erlebte. Zwar konnte er sich, noch lange nicht volljährig, nur mit Einschränkungen bewegen. Auf den Hamsterfahrten in die „Zone“, wie man bald die Sowjetische Zone in Berlin nur noch knapp nannte, suchte er aber regelmäßig Postämter auf. Ab und an war es ihm sogar möglich, Verwandte in Frankfurt zu besuchen. Der Ausgaben der Berliner Magistratspost und verschiedener Kostbarkeiten der Sowjetischen Zone erfreut er sich bis heute und kann zu mancher Marke auch erzählen, unter welchen Umständen er sie einstmals erworben hatte.
Sicher, nach den damals geltenden Gesetzen war einiges nicht oder nur halblegal, was Gerhard in der Zeit nach Mai 1945 tat. Doch das traf wohl in jenen Jahren auf alle Deutschen zu, ganz gleich, wie aktiv sie selbst am Schwarzmarkt auftraten. Zugute kam Gerhard sein Alter. Wer kontrollierte schon einen Oberschüler, der Briefmarken kaufte oder einen Brief aufgab? Ein wenig Tollkühnheit, das Privileg der Jugend, spielte auch mit hinein; Gerhard war sich durchaus bewusst, dass die Behörden im anderen Deutschland keine Gnade kannten, wenn sie seinen Aktivitäten auf die Spur gekommen wären …

Dies ist ein Auszug aus dem gleichnamigen Artikel erschienen im Sonderheft „Werte bewahren: Vererben und erben“ . Das ePaper können Sie direkt online lesen, oder lassen Sie sich ein kostenloses Exemplar per Post zusenden, schreiben Sie uns hierzu einfach eine E-Mail.

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Verfasst von: Torsten Berndt

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