Briefmarke der Woche: Die singende Sibylle

Briefmarke der Woche: Die singende Sibylle

Der uralte Gesang der Sibylle wird in Südeuropa immer leiser. Besonders laut ist er nur noch auf Mallorca und im italienischen Sardinien zu hören und ist eine alte Tradition aus dem frühen Mittelalter. Mit berührendem Gesang werden alte Weisen vorgetragen, meistens von glockenhellen Knabenstimmen. Für die Menschen auf Mallorca symbolisiert er das Weihnachtsfest, denn der Gesang der Sibylle ertönt immer in der Heiligen Nacht.

Nicht sommerlich, aber berührend - der Gesang der Sibylle.

Nicht sommerlich, aber berührend – der Gesang der Sibylle.

Trotzdem hat sich die spanische Post dafür entschieden, eine Briefmarke mit entsprechendem Motiv im Hochsommer herauszugeben. Sie will damit auf das immaterielle Kulturerbe der Menschheit hinweisen, denn der Gesang der Sibylle steht seit 2010 auf der entsprechenden Unesco-Liste. Die Briefmarke, die am 20. Juli erscheint, zeigt ein singendes Mädchen. Im Hintergrund ist die Kathedrale Santa Maria de Palma de Mallorca zu sehen. Die Briefmarke hat einen Wert von 1.30 €.
Ihr Gesang hat keine frohe Botschaft, er sagt das Ende der Welt – aber auch das Eintreffen eines christlichen Erlösers – voraus. Treue Gottesdiener sollen verschont und belohnt werden, der soziale Status spiele dabei keine Rolle. Alle anderen gingen unter und würden vom Zorn Gottes bestraft.
Der Gesang der Sibylle war früher im gesamten iberischen Raum verbreitet. Die Texte werden in katalanischer Sprache von einer Solostimme gesungen. Inhaltlich geht es um uralte Prophezeiungen, die von vorchristlichen Seherinnen stammen.

Gesang mit großer Bedeutung

Melodien wurden nicht überliefert und Instrumente waren zur Begleitung nicht vorgesehen. Die Texte wurden erst in lateinischer Sprache gesungen und im 15. Jahrhundert ins Katalanische übersetzt. Sie haben noch heute eine große Bedeutung in der Sprachforschung.
Im Mittelalter bildete Sibylle das heidnische Gegenstück zu den Propheten des Alten Testaments. Der Gesang wurde zwar in den Kirchen vorgetragen, war aber nicht unbedingt in die Glaubensvorstellung eingebunden – obwohl Sibylle und Propheten christliche Glaubensinhalte in liturgischen Texten und Liedern vortrugen.
Aus diesem Grund hat der Gesang der Sibylle auch eine so große Bedeutung: Er hatte einen gewissen Einfluss auf die Kirche und deren Glaubensvorstellung im Mittelalter. Dabei gab er dem Heiden- und Sehertum einen gewissen Raum. Die Vorhersagen der alten Seherinnen wurden gleichberechtigt zu den biblischen Prophezeiungen betrachtet. Außerdem hatte das Lied der Sibylle eine große folkloristische Bedeutung.
Wer den Gesang der Sibylle live hören will, hat dazu an Weihnachten in der Kathedrale von Palma de Mallorca und in der mallorquinischen Klosterkirche Lluc die Möglichkeit. Auf Sardinien ist er ebenfalls zu hören und wird in einem katalanischen Dialekt vorgetragen. Seit 2009 kann der Tradition auch auf dem spanischen Festland an mehreren Orten in Barcelona und Valencia gelauscht werden.


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Verfasst von: Katrin Westphal

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