Verspäteter Gruß: Panzerkreuzer SMS „Gneisenau“ – philatelistisch dokumentiert (Teil I)

Verspäteter Gruß: Panzerkreuzer SMS „Gneisenau“ – philatelistisch dokumentiert (Teil I)

Das Attentat eines serbischen Nationalisten auf das österreichische Thronfolgerpaar am 28. Juni 1914 im bosnischen Sarajevo führte dazu, dass die europäischen Großmächte in einen Krieg hineinschlitterten, der sicherlich nicht begonnen worden wäre, hätte man geahnt, wie er sich entwickeln würde. Heute, gut 100 Jahre später, wird überall der Millionen Toten in der Zivilbevölkerung und unter den Militärangehörigen gedacht, die durch den Ersten Weltkrieg sinnlos ihr Leben verloren haben.

Buchveröffentlichungen zum Ersten Weltkrieg

In zahlreichen Buchneuerscheinungen werden die damaligen Ereignisse von Historikern nochmals analysiert, interessanterweise jetzt auch mit unterschiedlichem Ergebnis in der Kriegsschuldfrage. Bei der sogenannten Friedens-Konferenz von Paris 1919 ging es für die Siegermächte um die Durchsetzung von Sonderinteressen, aber auch um die Befriedigung von Revanchegelüsten. Ein dauerhafter Frieden war so nicht zu erreichen. Auch die vorliegende Arbeit dient der Erinnerung. Im Mittelpunkt steht die Feldpostkarte eines Offiziers im Ostasiengeschwader der Kaiserlichen Marine, die 1914 unmittelbar vor Ausbruch des Krieges geschrieben worden war, in der Heimat aber erst 1923 zur Zeit der Hochinflation zugestellt wurde. Der kurze Kriegseinsatz des Geschwaders mit Sieg und „ehrenvollem“ Untergang nimmt in der Literatur zum Ersten Weltkrieg einen breiten Raum ein [Dick, Carl: Das Kreuzergeschwader – sein Werden, Sieg und Untergang. Berlin 1917; Lietzmann, Joachim: Auf verlorenem Posten. Unter der Flagge des Grafen Spee. Ludwigshafen am Bodensee 1922]. An dieser Stelle seien nur einige Fakten angeführt. Das Deutsche Reich trat erst 1885 als Kolonialmacht in Erscheinung.

Deutsche Kolonien im Pazifischen Ozean

Im Pazifischen Ozean wurde das Schutzgebiet Deutsch-Neuguinea errichtet. 1899 kamen die Karolinen- und Palau-Inseln sowie die nördlichen Marianen durch Kauf von Spanien hinzu. Von den Karolinen, etwa 700 flachen Koralleneilande und Atolle, seien die beiden größten Inseln Jap (Yap) im Westen und Ponape (heute Pohnpei) im Osten erwähnt. Diese waren nach den dortigen Maßstäben so etwas wie wirtschaftliche Zentren. Von ihnen aus erfolgte die Ausfuhr einheimischer Produkte wie Kokoserzeugnisse nach Deutschland. Jap erhielt 1912/13 eine Großfunkstation, die für das Nachrichtenwesen im Schutzgebiet von zentraler Bedeutung war. Für die ständige Präsenz der Marine in den überseeischen Gebieten bedurfte es leistungsfähiger Stützpunkte. Ohne solche konnten die kohlebefeuerten Kreuzer mit einem Tagesdurchsatz von mehreren hundert Tonnen nur durch den Einsatz von Versorgungsschiffen in Betrieb gehalten werden. Für die Besitzungen im Pazifik kam es zur folgenden auch militärisch fragwürdigen Lösung:
Kaiser Wilhelm II. nahm im November 1897 die Ermordung zweier deutscher Missionare in China zum Vorwand, mit seiner Ostasiatischen Kreuzerdivision die Bucht von Kiautschou und den Hafen Tsingtau zu besetzen und dann vom Kaiserreich China einen Pachtvertrag zu erzwingen. So wurde Tsingtau 1898 zum Flottenstützpunkt für die Kaiserliche Marine. Doch war nach dem Abschluss des Defensivbündnisses wischen Japan und England von 1902 klar, dass im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung das nur schwach ausgebaute Tsingtau als Basis nicht zu halten sein würde.

Kaiser Wilhelm II.

Postkarte von Otto Thöne vom 28. Juli 1914.

Postkarte von Otto Thöne vom 28. Juli 1914.

Der weltweite Schutz deutscher Interessen in der Kolonialpolitik wie auch im rasch wachsenden Handel erforderte nach der Überzeugung des seit 1888 regierenden und marinebegeisterten Wilhelm II. eine machtvolle Flotte, sein bekannter Ausspruch war: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“. Trotz völlig unterschiedlicher geografischer und geopolitischer Voraussetzungen orientierte man sich dabei an der britischen Royal Navy. Im Reichsmarineamt wurde der Schiffsbau stark vorangetrieben. Das nach 1898 in Angriff genommene Flottenbauprogramm sah bis 1917 den Bau von 60 Großkampfschiffen vor. Ein vielbeachtetes Buch des Konteradmirals der US Navy und Marinestrategen Alfred Thayer Mahan [Alfred T. Mahan: The Influence of Sea Power upon History. New York 1890] könnte die seekriegs-theoretischen Überlegungen mit beeinflusst haben. Eine der zahlreichen Ganzsachen [Hier bayerische Privatpostkarte PP 27 C 120 (Hanspeter Frech: Privatpostkartenkatalog 2008, Band II)], die zum 25-jährigen Regierungsjubiläum Kaiser Wihelms II. 1913 herausgegeben wurden, zeigt das Kaiserporträt, umrahmt von den Teilstreitkräften Heer, Luftwaffe (in den Anfängen) und kaiserliche Marine. Letztere war sein ganzer Stolz, er hatte den Oberbefehl inne. Das Ostasiatische Kreuzergeschwader in Tsingtau stand seit Dezember 1912 unter dem Kommando von Vizeadmiral Maximilian Reichsgraf von Spee. Im Jahr 1914 gehörten zur Flotte die Panzerkreuzer SMS „Scharnhorst“ (Flaggschiff) und „Gneisenau“, die vier Kleinen Kreuzer SMS „Nürnberg“, „Leipzig“, „Dresden“ und „Emden“ sowie mehrere Begleit- und Versorgungsschiffe. Die Kreuzer hatten vielfältige Aufgaben, sie operierten häufig alleine. Am 20. Juni 1914 waren die Panzerkreuzer von Tsingtau zu einer lange geplanten Südseereise ausgelaufen, erstes Ziel war am 22. Juni der japanische Hafen Nagasaki. Von der sich in Europa bedrohlich entwickelnden Situation nach dem Attentat vom 28. Juni erfährt der Geschwaderchef Anfang Juli im Truk-Atoll (Karolinen). Die Südseereise wird abgebrochen, Ziel ist jetzt die Insel Ponape, wo sich auch ein großes Kohlelager befindet. Das Geschwader ankert dort ab 17. Juli; nach einem Berliner Funkbefehl vom 25. Juli hat es die weitere Entwicklung abzuwarten. Am 28. Juli schreibt der Marine-Stabsingenieur Otto Thöne an Bord der SMS „Gneisenau“ an seine Eltern. Die Postkarte erhält am 3. August den Stempel „KAIS. DEUTSCHE MARINE-SCHIFFSPOST No 22“, Feldpost war gebührenfrei. Die Anschriftenseite der Karte ist in der Abbildung oben wiedergegeben. Der Kartentext lautet: „Absdr. Tö̈ne / Mar. StabsIng. / S.M.S. Gneisenau Ponape, d. 28/VII 14 L. Eltern! Noch sind wir hier, erwartend der Dinge, die da kommen sollen. Schade, dass man jetzt nicht mal eine Zeitung lesen kann, hier sind wir so fern von allem. Umstehend Cocospalmen, wo die Cocosnüße darauf wachsen. Herzl. Gruß Allen Otto.” Die auf Thöne lastende Ungewissheit ist zu spüren.

Kriegserklärung in Sarajevo

Abgeschnitten von der Zivilisation bekommt er gar nicht mit, dass an diesem 28. Juli das Kaiserreich Österreich-Ungarn dem Königreich Serbien den Krieg erklärt und sich weiteres Unheil zusammenbraut. Vor diesem Hintergrund stutzt man über den Hinweis auf die Kokosnuss; Otto Thöne stand im 46. Lebensjahr, seine Eltern waren ältere, vielleicht auch einfache Leute. Kommandant des Panzerkreuzers SMS „Gneisenau“ ist Kapitän zur See Gustav-Julius Maerker. Thöne hat als Stabsingenieur in leitender Funktion die Verantwortung für den Maschinenpark dieses Schiffes, sein Dienstrang entspricht dem eines Kapitänleutnants. Er ist ein erfahrener Seemann mit einer langen, harten und vielseitigen Ausbildung. Im Marine-Ingenieurkorps war seine Position in der Regel erst nach etwa 20 Dienstjahren zu erreichen. Sein Kreuzer – einen Eindruck davon vermittelt die unten abgebildete Ansichtskarte – war 1908 in Dienst gestellt worden, Baukosten mehr als 19 Millionen (Gold)-Mark. Das Schiff ist gut 143 Meter lang, knapp 22 Meter breit und für eine Besatzung von bis 840 Mann vorgesehen. Die Dreifach-Expansionsdampfmaschine leistet mehr als 30 000 PS (knapp 22 000 Kilowatt); bei einer Höchstgeschwindigkeit von 23,6 Knoten (44 Kilometer pro Stunde) beträgt der Kohledurchsatz mehr als 400 Tonnen pro Tag (zum Vergleich: maximaler Vorrat 2000 Tonnen). Dieser Schiffstyp war im Wettlauf um die Kolonien für Aufklärungseinsätze und einen eventuellen Handelskrieg konzipiert worden. Bezüglich Geschwindigkeit und Bewaffnung ist er den später entwickelten Schlachtschiffen unterlegen. Weitere technische Daten und Angaben zur Bewaffnung des Schiffes erscheinen bei Wikipedia. Am 31. Juli empfängt das Geschwader Spee aus Berlin die drahtlos übermittelte Botschaft „Drohende Kriegsgefahr“. Auf den Schiffen muss nun mit den Kriegsvorbereitungen begonnen werden. Am 5. August kommt aus Berlin das Telegramm: „Krieg mit England, Frankreich, Russland“, einen Tag später wird der Kriegszustand für die Schutzgebiete erklärt.

Großbritannien und Australien greifen in den Krieg ein

Die bildseitige Beschriftung der Mitte 1915 gebrauchten Postkarte ist für unseren Fall ohne Belang. Der Absender mit Dienstgrad „Signalgast“ ist ein Matrose, der mit der Übermittlung von Nachrichten und Signalen befasst war. Er bedankt sich hier bei einem Fräulein für erhaltene „werte Sachen“ und bekundet sein Interesse an weiterem Briefkontakt. Das Foto von der berühmten SMS – SMS bedeutet „Seiner Majestät Schiff“ – „Gneisenau“ sollte wohl Eindruck machen.

Die bildseitige Beschriftung der Mitte 1915 gebrauchten Postkarte ist für unseren Fall ohne Belang. Der Absender mit Dienstgrad „Signalgast“  ist ein Matrose, der mit der Übermittlung von Nachrichten und Signalen befasst war. Er bedankt sich hier bei einem Fräulein für erhaltene „werte Sachen“ und bekundet sein Interesse an weiterem Briefkontakt. Das Foto von der berühmten SMS – SMS bedeutet „Seiner Majestät Schiff“ – „Gneisenau“ sollte wohl Eindruck machen.

Britische und australische Seestreitkräfte beginnen sofort mit ihrer Kriegsführung gegen die Deutschen. Für die Soldaten auf den Hauptschiffen des Geschwaders hatte seit dem Nagasaki-Besuch am 22. Juni keine Möglichkeit mehr bestanden, Privat- und Dienstpost zu erledigen. Da in Ponape die Weiterleitung der Post noch möglich erschien, wurde auf Befehl des Geschwaderchefs die gesamte Post bis zum Auslaufen der Flotte am 6. August abgefertigt. Wegen der doch ungewissen Situation und zum Schutz gegen die Tropeneinflüsse packte man die zusammengekommenen fünf Postsäcke in eine große Blechkiste und dichtete diese durch Verlöten ab. Der Postagent von Ponape hatte die Kiste aufzubewahren und sollte sie bei sich bietender Gelegenheit in die Heimat absenden. Das Kreuzergeschwader verlässt am 6. August Ponape in Richtung der nördlichen Marianen Insel Pagan, wo man mit dem von Tsingtau kommenden Kreuzer „Emden“ zusammentrifft. Tsingtau kann als Stützpunkt nicht mehr angefahren werden, künftige Nachschubprobleme sind absehbar. Der Verband bricht am 13. August in Richtung Südamerika auf. Man will auf dem Weg um Kap Hoorn den Atlantik erreichen, ohne dabei erfolgversprechenden Angriffen auf die britische Flotte aus dem Wege zu gehen, und dann Kurs Heimat nehmen. Das Werk von Korvettenkapitän Friedrich Crüsemann und Josef Schlimgen „Deutsche Marine-Schiffspost Handbuch und Katalog“ [Crüsemann, Friedrich; Schlimgen, Josef: Deutsche Marine-Schiffspost – Handbuch und Stempelkatalog 1914 – 1919. Band II, 4. Lieferung, S. 307 ff. Neue Schriftenreihe der Poststempelgilde „Rhein-Donau“, 1979]. enthält eine präzise Zusammenfassung der Schiffsbewegungen mit Angaben zur Versorgung mit Kohle und Frischproviant wie auch zu den ausgeführten Angriffen auf feindliche Schiffe und Küstenbefestigungen.

Japan setzt Ultimatum

Japan verlangt am 15. August ultimativ den Abzug aller deutschen Kriegsschiffe aus chinesischen und japanischen Gewässern sowie die Übergabe von Tsingtau und Kiautschou. Am 23. August folgt die Kriegserklärung, am 27. August beginnt die Blockade Tsingtaus von See her. Der deutsche Marinestützpunkt wird am 7. November kapitulieren. Vor der Kriegserklärung Japans hatte sich in Ponape keine Möglichkeit mehr zur Weiterleitung der Post ergeben. Um die Sendungen nicht in feindliche Hände gelangen zu lassen, ließ der Postagent die Kiste in der Kirche der Kapuzinermission vergraben und zwar im Boden der Krypta. Ponape wurde am 7. Oktober durch japanische Truppen besetzt, das Geheimnis der vergrabenen Post blieb gewahrt. Das Kreuzergeschwader nutzte fortan jede weitere Postverbindung. Die nächste lief über den Kreuzer SMS „Nürnberg“, der am 22. August von den Marshall-Inseln aus mit Post nach Honolulu geschickt wurde und am 6. September vor den Weihnachts-Inseln wieder zum Verband stieß. Er brachte Post und Zeitungen, die von den Matrosen sehnlichst erwartet wurden. Der weitere Marsch des Geschwaders geht – grob nachgezeichnet – über Samoa, Tahiti und den Marchesas-Inseln zu den Oster Inseln, wo man sich am 12. Oktober mit den leichten Kreuzern SMS „Leipzig“ und „Dresden“ verbindet. Ziel ist Valparaiso, der bedeutendste Hafen des neutralen Chile. Von dem vorausgeschickten Dampfer „Göttingen“ kommt am 31. Oktober die Funkmeldung, ein englisches Geschwader sei in Coronel (chilenische Küste, etwa 500 Kilometer südlich von Valparaiso gelegen) eingelaufen. Graf Spee trifft mit seiner Flotte am Abend des 1. November auf den feindlichen Verband.

⇒ Fortsetzung folgt.

Text: Bernd Meyer und Dr. Irmin-Rudolf Jahn


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Verfasst von: Stefan Liebig

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