Kampf mit dem Teufel

Kampf mit dem Teufel

Luther auf der Wartburg: Nachdem die Reichsacht über den Reformator verhängt worden war, zog sein Kurfürst ihn aus dem Verkehr. Glücklich war Luther darüber nicht. Mit so viel Standhaftigkeit hatten vermutlich weder der Reichstag noch Kaiser Karl V. gerechnet. Martin Luther, der bereits mit dem Kirchenbann belegt war, weigerte sich beim Reichstag zu Worms im April 1521 beharrlich, seine reformatorischen Ansichten zu widerrufen. Er sah keine Beweise gegen seine Thesen und schlussfolgerte: „Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“

Luther unter Reichsacht

300 Tage lang verweilte Luther als Junker Jörg auf der Wartburg. Sie wurde im elften Jahrhundert von Ludwig dem Springer erbaut und thront 200 Meter über der Stadt Eisenach.

Als Reaktion darauf erließ Karl V. das auf den 8. Mai rückdatierte Wormser Edikt, womit über Luther die Reichsacht verhängt wurde. Jeder war nun aufgerufen, ihn festzusetzen und an Rom auszuliefern. Luther, der Worms bereits am 26. April verlassen hatte, konnte sich jedoch auf 21 Tage freies Geleit nach Wittenberg berufen, das ihm der Kaiser gewährt hatte.
Bis dorthin sollte er aber gar nicht gelangen. Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, hatte eine als Überfall getarnte Rettungsaktion für Luther organisiert. Er ließ ihn am Abend des 4. Mai von seinen Soldaten festnehmen und auf die Wartburg bei Eisenach bringen. Dort sollte er unter dem Decknamen „Junker Jörg“ immerhin fast zehn Monate verbringen. Nur der Burghauptmann, Hans von Berlepsch, kannte seine wahre Identität.
Obwohl er sich nun vorerst in Sicherheit befand, schätzte Luther sich über seine Lage nicht glücklich. In einem Brief, den er am 12. Mai 1521 von der Wartburg an Philipp Melanchthon sandte, schrieb er: „Ich besorgte, es möchte scheinen, als fliehe ich aus dem Streit, und doch stand kein Weg offen, auf dem ich denen, die es wollten und riethen, hätte widerstehen können. Ich wünsche nichts mehr, als der Wuth der Feinde zu begegnen und den Hals vorzuhalten.“

Leben auf der Wartburg

In dieser Stube auf der Wartburg soll Luther ein Tintenfass gegen die Wand gepfeffert haben, um den Teufel zu vertreiben. Vom vermeintlichen Fleck, der mehrfach nachgemalt wurde, zeugt nur noch der von Touristen herausgebrochene Putz.

In nur elf Wochen hat der Reformator auf der Wartburg das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzt. Was der Künstler vergessen hat, ist Luthers Bart, den er als Junker Jörg trug.

Wie sah Luthers Leben auf der Wartburg aus? Er musste zunächst die Tarnung perfekt machen und sich die Tonsur zuwachsen und sich einen Bart stehen lassen, was ihm missfallen haben soll. Er konnte sich auf der Wartburg frei bewegen. Bekannt ist vor allem die kleine Stube über dem ersten Burghof, die als Lutherzimmer in die Geschichte einging. Zu Luthers Zeit enthielt sie unter anderem einen offenen Kamin, einen Schreibtisch mit Stuhl und einen Walwirbel, den er als Fußschemel nutzte. Der Reformator soll zusätzlich aber auch die obere Vogteistube bewohnt haben, sodass sein Aufenthalt auf der Wartburg als relativ komfortabel eingeschätzt werden kann.
Auch die Verpflegung fiel sehr üppig und fettreich aus. Indes scheint sie für den Gast alles andere als bekömmlich gewesen zu sein. Er klagte in Briefen in aller Ausführlichkeit und in kaum zitierfähiger Weise über Verstopfung. Die reiche Kost auf der Wartburg ließ Luthers Körperfülle wachsen; zugleich ruinierte er sich hier den zuvor durch knappe Klosterkost ohnehin schon geprüften Magen völlig. Er soll in seinem Leben so viel Zeit auf der Toilette verbracht haben, dass sogar darüber spekuliert wird, ob er dort seine zentralen reformatorischen Erkenntnisse gewonnen hat.

 

Neues Testament und Kampf gegen Teufel

Das Lutherdenkmal in Worms aus dem Jahr 1868 erinnert auch an den Reichstag zu Worms, wo Luther seine Thesen voller Inbrunst verteidigte. Es gilt allerdings nicht als überliefert, dass der Ausspruch „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ von Luther stammt.

Nicht nur die Wartburg verbindet Luther mit der Stadt Eisenach. Er soll hier während seiner Schulzeit von 1498 bis 1501 im Haus der Familie Cotta gewohnt haben. Das alte Fachwerkhaus ist bis heute erhalten und kann besichtigt werden.

Der Winter auf der Wartburg brachte für Luther zwei Herausforderungen: Zum einen widmete er sich dem Mammutprojekt, das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche zu übersetzen, zum anderen kämpfte er gegen den Teufel. Dieser war ihm wohlvertraut. „Ich kenne ihn genau, und er kennt mich auch genau“, soll er gesagt haben. Auf der Wartburg begegnete er ihm des Öfteren. Mal saß er hinter dem Kamin und warf mit Nüssen, mal erschien er als schwarzer Hund. Einige Mediziner hegen die Vermutung, dass Luther Halluzinationen hatte, er selbst sprach von Visionen. Der legendäre Wurf mit dem Tintenfass nach dem Teufel jedenfalls ist durch Luther nicht überliefert. Er hat lediglich die Aussage getroffen: „Ich habe den Teufel mit Tinte bekämpft.“ Das wiederum kann auch auf die Übersetzung des Neuen Testaments gemünzt sein, womit Luther vermutlich kurz vor Weihnachten 1521 begann. Das 220 Seiten umfassende Werk übertrug er in nur elf Wochen.

Zwar gab es zuvor schon etliche Übersetzungen der Bibel in die deutsche Sprache, doch beruhten diese allesamt auf der Vulgata, einer über 1000 Jahre alten lateinischen Bibelübersetzung und nicht auf der griechischen Urfassung. Luther legte außerdem Wert auf eine möglichst volksnahe Sprache. Seine beeindruckende Übersetzung sollte schließlich entscheidend dazu beitragen, dass sich eine einheitliche deutsche Schriftsprache entwickelte. Die erste Auflage von 3000 Büchern erschien 1522 zur Leipziger Buchmesse und war sofort vergriffen.
Gegen den Willen des Kurfürsten verließ Luther die Wartburg am 1. März 1522 und kehrte nach Wittenberg zurück, mit dem Ziel, die radikaleren Kräfte der Reformation auszubremsen. Die Wartburg suchte er nie wieder auf. 1999 erklärte die UNESCO das Bauwerk aufgrund seiner herausragenden kulturgeschichtlichen Bedeutung zum Welterbe der Menschheit.

Text: Tanja Uhde

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Verfasst von: Stefan Liebig

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