Grenzöffnung „ab sofort“

Grenzöffnung „ab sofort“

Noch am Abend des 9. November 1989 strömten zahlreiche Ostberliner über den Grenzübergang Bornholmer Straße in den Westen der geteilten Stadt. Die damaligen Ereignisse bleiben all denen unvergesslich, die Zeitzeugen sein durften und damals zutiefst be- und gerührt an den Fernsehgeräten saßen. Es spielten sich Szenen ab, mit denen nach den langen Jahren der deutschen Teilung kaum noch jemand gerechnet hatte.

Deutsche Post der DDR brauchte etwas länger …

Mit dem im Westen ausgezahlten Begrüßungsgeld von 100 DM konnten auch Dinge gekauft und bei Rückkehr nach Berlin (Ost) und in die DDR ohne jegliche Grenzkontrolle mitgenommen werden, die kurz zuvor noch auf der „Liste der verbotenen Gegenstände“ gestanden hatten. Von einem Tag zum andern fielen diese schikanösen Verbote wie ein Kartenhaus in sich zusammen, jedenfalls im innerdeutschen Personenverkehr. Ganz anders sah es zunächst im Postverkehr zwischen den beiden deutschen Staaten aus. Davon zeugt die Behandlung eines Briefes (400 Pfennig Porto), mit dem nach der Grenzöffnung ein westdeutscher Sammler an
seinen Tauschfreund in Meißen einen Briefmarkenkatalog Deutschland übersenden wollte. Die Kontrollorgane der Deutschen Post der DDR taten weiterhin Dienst nach den geltenden Vorschriften, als hätte es die Ereignisse vom und nach dem 9. November 1989 nicht gegeben. Niemand hätte eingegriffen, wenn damals ein DDR-Bürger oder Besucher aus dem Westen Michel-Briefmarkenkataloge in den Osten mitgenommen hätte, auch nicht Deutschland-Kataloge mit den geächteten Marken des Dritten Reichs. Bei der Post ließ sich das Personal von diesen Entwicklungen nicht beirren und bestand eisern auf der Einhaltung der erwähnten Liste „liste des objets interdits“.

Retoure

DDR Grenze Retour Post Porto Stempel Paeckchen

Von den Kontrollorganen der DDR noch Ende November 1989 zurückgewiesener Brief mit einem Michel-Katalog Deutschland (Vorlage eines BMS-Lesers).

Der Brief ging am 28. November 1989 mit einem Aufkleber „Zurück! Retour!“ und einem Hinweis auf den einschlägigen Passus in der Verbotsliste an den Absender zurück. Dieser staunte nicht schlecht, als er sein Geschenk wieder im Hausbriefkasten vorfand. Später ging der Katalog dann doch noch erfolgreich auf die Reise nach Meißen. Auch die Tauschkontrollstellen des Kulturbunds der DDR, Sektion Philatelie, führten die Bearbeitung von Tauschsendungen, die mit einer Kontrollmarke zu versehen waren, munter fort. Erst am 1. Juli 1990, also nach Herstellung der Währungsunion durch Einführung der Deutschen Mark auch in Berlin (Ost) und der DDR, wurden die Stellen aufgelöst. Fortan unterlagen Tauschsendungen im grenzüberschreitenden Postverkehr keiner Kon- trolle mehr und konnten ohne Gefahr der Beanstandung direkt auf den Weg gebracht werden.
Die Herausgabe von Marken in geringerer Auflage (sogenannter „Sperrwerte“) hatte die DDR schon Anfang 1984 eingestellt. Die Exporte in das „nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet“ waren stark zurückgegangen, nicht zuletzt wegen des überhöhten Verrechnungskurses für die DDR-Währung auf Dollarbasis. Bereits vorher wurden seit Jahren stets die Wertstufen zu Marken in geringerer Auflage bestimmt, die ohnehin weniger nachgefragt wurden und damit den Bedarf deckten.

Dr. Hartmut Paetzold


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Verfasst von: Stefan Liebig

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