Marke der Woche: Wohin wehen wir?

Die Menschheit ist seit jeher mit der gro√üen Frage konfrontiert, ob sich Geschichte wiederholt. Drehen wir uns im Kreis oder bewegen wir uns, christlich eschatologisch, auf ein fernes Ziel hin? Gibt es echte Weiterentwicklung oder k√∂nnen wir nur √ľber die langsame Entwicklung vorhandener Kenntnisse Neues erreichen? Vor wenigen Jahren geisterte ein revolution√§res Prinzip zur Verringerung des Kraftstoffverbrauchs von Frachtschiffen durch die Presse. Ingenieure hatten einen ausgefeilten Lenkdrachen entwickelt, den man bei R√ľckenwind am Bug eines Tankers aufsteigen lassen konnte. Das Schiff vermochte damit seinen Verbrauch – und entsprechend die Betriebskosten – nachweislich zu senken. Toll! Wir wurden Zeugen einer bahnbrechenden Erfindung, n√§mlich der des Segels! Moment… das stimmt so nat√ľrlich gar nicht. Das Segel ist ja bereits Jahrtausende alt. Funktioniert aber immer noch, wie man sieht. √Ąhnlich verh√§lt es sich mit den Motiven unserer heutigen ‚ÄěMarke der Woche‚Äú.

Ein sogenannter Innendreher auf BriefmarkeDiese stammt aus den sch√∂nen Niederlanden und ist seit heute Morgen an den Postschaltern erh√§ltlich. Das Thema lautet: Niederl√§ndische M√ľhlen. Jeder wei√ü, dass die Niederlande quasi im Schatten eines Waldes aus pittoresken Windm√ľhlen verborgen liegen, so wie jeder Niederl√§nder bereits mit angewachsenen Holzschuhen geboren wird und der Hauptbesch√§ftigungszweig f√ľr Frauen in der K√§sewerbung liegt. Das ist nat√ľrlich kompletter Unfug. Richtig ist aber, dass die Niederlande tats√§chlich √ľber einen beeindruckenden Bestand historischer Windm√ľhlen verf√ľgt. Eine Bockm√ľhle alten TypsDiese hat sich der Grafiker Joost Veerkamp gr√ľndlich angeschaut und eine Zehnerserie besonders attraktiver Bauwerke grafisch in Markenformat √ľbertragen. Darauf erkennt man die unterschiedlichsten Typen, die sowohl in der Konstruktion als auch in der Verwendung die ganze Bandbreite dieser mechanischen Meisterwerke widerspiegeln. Wir erkennen sogenannte ‚ÄěBockm√ľhlen‚Äú, auf denen sich der gesamte Oberbau, also das H√§uschen, mit seinem Windrad ausrichten lie√ü. Der niederl√§ndische Ingenieur Jan Adriaanszoon Leeghwater hatte schlie√ülich die geniale Idee, lediglich die Kappe mit der Fl√ľgelwelle und dem Oberkammrad auf einen Drehkranz zu setzen, um somit nicht mehr das ganze Haus bewegen zu m√ľssen. Damit erfand er die typisch niederl√§ndische Windm√ľhle. Gemeinhin wurde nat√ľrlich Korn, Hafer oder Gries gemahlen, in Regionen ohne gr√∂√üere Flie√ügew√§sser vermochte die Windkraft aber auch S√§gewerke anzutreiben, weiter nutzte man sie f√ľr √Ėlpressen oder Pumpen. Aufgestockter Bau und heute GetreidemuseumLetztere hatten gerade in den Niederlanden zentrale Bedeutung. Kaum eine andere Nation hat √ľber die Jahrhunderte derartigen Eifer an den Tag gelegt, dem Meer neues Land f√ľr die Bebauung abzugewinnen. Dazu deichte man kleine Fl√§chen ein, die sogenannten ‚ÄěPolder‚Äú, die anschlie√üend trockengelegt wurden. Man betrieb zahllose Pumpen, die Tag und Nacht die Wassermassen √ľber den Deich ins Meer bef√∂rderten und anschlie√üend den Wasserspiegel niedrig genug hielten, um das Land zu bewirtschaften. In der vorindustriellen Zeit lag es nahe, sich einer Kraft zu bedienen, die weniger zu Essen brauchte als Mensch und Tier, die keinen Treibstoff ben√∂tigte und die kostenlos und nahezu unbegrenzt zur Verf√ľgung stand: Wind.

Gelungene Komposition auf Briefmarken-KleinbogenAlle diese Argumente klingen verbl√ľffend modern, wenn man sich die seit Jahren immer grotesker verlaufenden Debatten zur Energiewende ins Ged√§chtnis ruft. √Ąhnlich ‚Äěmodern‚Äú ist nat√ľrlich auch die Idee, mit Windkraft Strom zu gewinnen. Als beispielsweise der gro√üe Polarforscher Fridtjof Nansen 1894 mit seiner ‚ÄěFram‚Äú im Packeis eingeschlossen lag, verf√ľgte er dennoch √ľber elektrischen Strom. Dieser entstammte erstaunlicherweise keinem irgendwie anachronistisch herbeigezauberten Atomkraftwerk, sondern einem per Windm√ľhle betriebenem Generator. F√ľr die Niederlande ist die Windenergie – damals und heute – von besonders tragischer Brisanz. W√§hrend hierzulande Politiker und Lobbyisten dar√ľber verhandeln, wie man es f√ľr sich selbst gewinnbringend schaffen kann, die Folgen des Klimawandels m√∂glichst teuer und ineffektiv zu verschleppen, laufen die kraftstoffbetriebenen Pumpen zur Entw√§sserung der Polder weiter. Doch die Wasserpegel werden steigen, auch aufgrund der Motorpumpen. So wie alles, was an Kraftstoffen verbrannt wird, seinen dazu Beitrag leistet. Die weitfl√§chig abgeschaffte M√ľhlenwirtschaft m√ľsste nun neu erfunden werden, um der drohende Gefahr zu begegnen, ohne sie zu vergr√∂√üern. Denn sie konnte ja eigentlich nur entstehen, weil die Menschheit alte Technologien als veraltet abgetan und durch umweltsch√§dliche moderne Technologien ersetzt hat. Ein Irrweg, k√∂nnte man sagen. Leider ein schwerwiegender, der – da eine Einbahnstra√üe – noch viel Leid und Not √ľber die Bewohner k√ľstennaher Gebiete bringen wird. Eine Renaissance der Windr√§der kann helfen, dieses Elend abzumildern.

Hat ohne Energiekonzerne funktioniertIn den USA existierten im 19. Jahrhundert bis zu 18 Millionen kleiner Windr√§der, die best√§ndig Wasser aus den Tiefenbrunnen an die Oberfl√§che f√∂rderten. Bisher ist der Vorwurf der ‚ÄěVerspargelung des Wilden Westens‚Äú weder in der Fachliteratur noch in Hollywood thematisiert worden. Vermutlich waren die Herren Farmbesitzer einfach nur froh, dass sie nicht selbst pumpen mussten. Bauen und reparieren konnte man die einfachen Konstruktionen eh selbst, dazu brauchte man keine Monopolisten, die dann etwa Gro√üanlagen in den Rocky Mountains errichtet h√§tten, nur um anschlie√üend die Hand aufzuhalten, damit die Windkraft dem Farmer in Minnesota das Brunnenwasser aus dem Schacht holt. Altes Windrad vor neuer TechnologieDieser pragmatische Umgang mit der alten, modernen Antriebskraft scheint bei den Viehtreibern im wilden Br√ľssel noch nicht angekommen zu sein. Aber da geht es ja auch um weitaus wichtigere Themen, wie die effizienteste Ausweidung des Schlacht… – nein Verzeihung – des Wahlviehs. Doch der Glanz vergangener Legislaturperioden wird stets vom Winde verweht. Wir brauchen frischen Wind, um dem drohenden Sturm zu begegnen.


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Authored by: Jan Sperhake

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