Marke der Woche: Ansichtssache

Litauen ehrt seine ArmeeUnsere heutige ‚ÄěMarke der Woche‚Äú stammt aus Litauen. Die Sondermarke zu 1,35 Litas wird am 24. August an den Postschalter erscheinen und thematisiert die Streitkr√§fte Litauens. Auf den ersten Blick ist das nicht besonders spektakul√§r, so wie die litauischen Streitkr√§fte selbst. Diese sind recht klein und vor allen Dingen auf die Landesverteidigung ausgerichtet. Zwar beteiligte sich das kleine NATO-Mitglied freiwillig an verschiedenen internationalen Missionen, Litauen war unter anderem als Mitglied der ‚ÄěKoalition der Willigen‚Äú mit 150 Medizinern und Logistikern am Irakkrieg beteiligt, doch mangelt es an technischer Ausr√ľstung. So wird etwa der litauische Luftraum von einer NATO-Einheit √ľberwacht, da das Land √ľber keine moderne Luftwaffe verf√ľgt.

Interessant ist diese Ausgabe aber, da sie den Blick auf ein historisches Phänomen lenkt, nämlich die Überlieferung einer Epoche, gemessen an verschiedenen Kulturkreisen. Litauen ist sehr stolz auf seine siegreiche Geschichte.

Die Vernichtung der Schwertbrueder auf litauischer Sondermarke

Die Vernichtung der Schwertbr√ľder auf litauischer Sondermarke

Eines der bedeutendsten Kapitel, die lang anhaltenden K√§mpfe mit dem Deutschen Orden, ist bis heute fest im Nationalbewusstsein verankert und wird wiederholt auf Sondermarken gew√ľrdigt. Fragt man jedoch in Deutschland nach, wird man ratlose Blicke ernten. Litauen? Konflikt mit Deutschland? Meinen Sie vielleicht den Zweiten Weltkrieg? Man kann vielleicht schon von Gl√ľck reden, wenn √ľberhaupt jemand die Lage Litauens auf einer Europakarte auszumachen vermag. Das war vor 700 Jahren freilich anders. Da war der Blick in Deutschland erstmalig weit nach Osten gerichtet. Die Schwertbr√ľder und anschlie√üend der Deutsche Ritterorden hatten sich angeschickt, die baltischen Heiden mit Feuer und Schwert zu bekehren. Nach jahrzehntelangen Vernichtungsfeldz√ľgen gegen die Pruzzen hatte man zumindest einen Teil der Ostseek√ľste erobert. Diese Region benannte man nach seinen beinahe ausgerotteten Einwohnern Preu√üen.

Litauen besiegte auch die Mongolen

Litauen besiegte auch die Mongolen

Doch jenseits der preu√üischen Lande traf man auf ein V√∂lkchen, welches den Rittern das F√ľrchten lehren sollte: die Litauer. Diese lebten in einer feudalen Stammesgesellschaft und verf√ľgten √ľber eine weitaus schw√§chere Zentralgewalt als in Europa seinerzeit √ľblich. Doch gerade diese Zivilisationsform sollte es den Europ√§ern schwer machen. Die litauische Armee des Mittelalters mied die offene Feldschlacht und das aus gutem Grund. Technisch waren sie den Invasoren nicht gewachsen. Stattdessen setzte man auf Schnelligkeit und Fluktuation. Nadelstichartige Raubz√ľge in die Ordenslande richteten f√ľrchterliche Verheerungen an. Hinterhalte und weitr√§umige R√ľckzugsgebiete in den S√ľmpfen lie√üen oft genug die schwer gepanzerten Ritter gerade noch unter schwersten Verlusten den R√ľckzug bew√§ltigen.

Litauen erinnert sich an seine Geschichte

Litauen erinnert sich an seine Geschichte ganz anders als wir

Dieser Konflikt zog sich √ľber 100 Jahre hin, bis der Deutsche Orden 1410 schlie√ülich von einer baltisch-russischen Koalition vernichtend geschlagen wurde. Diese Geschichte pr√§gt bis heute massiv das Selbstbewusstsein der litauischen Armee. In Deutschland hingegen ist diese Epoche aus der Allgemeinbildung vollends ‚Äď und sogar aus dem Geschichtsunterricht weitgehend ‚Äď verschwunden. Sp√§tere Epochen und Konflikte haben die mitteleurop√§ische Sicht auf den Osten vollst√§ndig √ľberlagert und verdr√§ngt. Selbstverst√§ndlich gibt es daf√ľr schwerwiegende Gr√ľnde, doch sollte man sich als moderner Europ√§er einen Grundsatz zueigen machen: Wenn wir als Kulturraum zusammenwachsen wollen, m√ľssen wir uns zumindest bem√ľhen, die Geschichte und Kultur unserer Partner zu verstehen. Sonst k√∂nnten wir uns in Missverst√§ndnissen und Taktlosigkeiten verlieren.

Europ√§ische Deutungshoheit gibt es nicht, auch wenn sich Br√ľssel auf den Kopf stellt. Das kulturelle Selbstverst√§ndnis jeder Nation muss ernst genommen werden, auch wenn es unserem eigenen diametral entgegenl√§uft. Die Chance ist da, denn erstmalig in der europ√§ischen Geschichte haben wir die M√∂glichkeit, unsere Unterschiede friedlich zu er√∂rtern. Ein gemeinsamer Markt macht keine Europ√§er, aber das Bewusstsein f√ľr die gemeinsame Vergangenheit der unterschiedlichsten Kulturen kann langfristig einen europ√§ischen Geist ausbilden. Voraussetzung bleibt aber, dass Unterschiede unwidersprochen und wertneutral akzeptiert werden. Daran erinnert diese kleine Marke, wenn auch erst auf den zweiten Blick. Aber als Philatelist wei√ü man bekanntlich: Erst danach wird es wirklich spannend. Der Blick in die Tiefe enth√ľllt den wahren Wert. Davon k√∂nnen Politiker und Staatenlenker eine Menge lernen.


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Authored by: Jan Sperhake

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