Marke der Woche: Guernseys Hurdy-Gurdy

Nahaufnahme einer Drehleier

Nahaufnahme einer Drehleier

F√ľr Musikliebhaber und Motivsammler ist das Jahr 2014 ein einziges Fest. Das diesj√§hrige Thema ‚ÄěNationale Musikinstrumente‚Äú bringt so manch kurioses Instrument zum Vorschein. Daher wollen wir auch die heutige ‚ÄěMarke der Woche‚Äú einer solchen Motivmarke widmen, n√§mlich dem Europa-Beitrag der Kanalinsel Guernsey vom 8. Mai. √Ąlteren Semestern ist sicherlich der schottische Folks√§nger Donovan noch ein Begriff. Der landete 1968 mit seinem Song ‚ÄěHurdy Gurdy Man‚Äú einen Hit. Was auf den ersten Blick wie eine onomatopoetische Laune klingt, bezeichnet hingegen eines der √§ltesten europ√§ischen Musikinstrumente: die Drehleier. Daher nimmt es auch nicht Wunder, dass Franz Schubert ein gleichnamiges Lied hinterlassen hat: den Leiermann in a-moll, der bekanntlich den Zyklus der Winterreise beschlie√üt.

Das in Guernsey zu Markenehren verholfene Exemplar ist eine sogenannte Chifournie, eine spezielle Variante aus dem anglofranzösischen Kulturkreis. Das Tonerzeugungsprinzip aller Instrumente dieser Familie ist jedoch weitgehend identisch. Anstelle eines Geigenbogen bringt ein mit dem Leierhaken bewegtes Rad die Saiten in Schwingung. Die Tonhöhe der Melodiesaiten vermag der Musiker durch eine Tastatur zu bestimmen. Daneben tönen konstant die Bordunsaiten.

Bordun bedeutet √ľbersetzt ‚ÄěBrummbass‚Äú und steht heutzutage auch als Begriff f√ľr eine ganze Instrumentenklasse. Beispielsweise verf√ľgen die meisten Sackpfeifen √ľber einen Grundton, √ľber den die Melodien gelegt werden. Lediglich Exemplare aus B√∂hmen verzichteten auf die Bordunsaiten.

Stimmvorrichtung der Drehleier

Stimmvorrichtung der Drehleier

Unter dem Namen ‚ÄěOrganistrum‚Äú ist die Drehleier bereits seit dem 10. Jahrhundert dokumentiert, insbesondere in der Kirchenkunst finden sich in Stein gehauene Figuren mit diesem Instrument. Nimmt man doch gemeinhin an, die Engelein k√§men mit klingenden Harfen daher, sollte man sich also nicht wundern, wenn das pers√∂nliche Ableben unvermutet von den durchdringenden Kl√§ngen einer Drehleier begleitet wird. √úber die zeitgen√∂ssische Beliebtheit der Drehleier l√§sst sich nur spekulieren. Hieronymus Boschs Tryptichon ‚ÄěGarten der L√ľste‚Äú liefert zumindest Hinweise. Linkerhand im ‚ÄěGarten Eden‚Äú bieten sich dem Betrachter phantastisch paradiesische Szenen mit Adam und Eva, w√§hrend das Mittelst√ľck vor lustvollen Details √ľberquillt, in denen sich Mensch und Tier und Obst und Nonnen in allen erdenklichen Variationen an sich und -einander erg√∂tzen. Der rechte Innenfl√ľgel hingegen tr√§gt den Titel ‚ÄěDie musikalische H√∂lle‚Äú. Zahlreiche Musikinstrumente werden als Folterwerkzeuge dargestellt, die die sie umgebenden Menschen und Halbwesen qu√§len und peinigen. Da sind der Dudelsack, die Fl√∂te, eine Harfe nebst einer Laute und – man hat es geahnt – eine Drehleier zu erkennen, in deren Saiten augenscheinlich eine Nonne einklemmt ist, die skeptisch hinaufblickt zu einem nackten Mann mit einem Stimmwerkzeug im Allerwertesten.

Detailaufnahme des Stegs

Detailaufnahme des Stegs

Aus dem Franz√∂sischen ist auch die Bezeichnung Bettelleier √ľberliefert, zogen doch fahrende Musiker gern mit einer lautstarken Leier durch die Lande. In Ungarn ist das Instrument erstmalig aus Dokumenten zu den Kuruzenkriegen √ľberliefert, als die Bauernschaft unter der Leitung von Gy√∂rgy D√≥zsa gegen die Obrigkeit rebellierte. Fairerweise muss man annehmen, dass die Drehleier damit urs√§chlich nichts zu tun hatte. Der gl√ľcklose Anf√ľhrer wurde schlie√ülich auf einem rotgl√ľhenden Eisenstuhl hingerichtet und gevierteilt. Vor gut 40 Jahren setzte in Ungarn die sogenannte Renaissance der Drehleier ein, und viele ernste Musikst√ľcke wurden f√ľr sie komponiert. Wir wollen hoffen, dass dies keine weiteren Aufst√§nde nach sich ziehen wird.

Auf der Kanalinsel Guernsey hingegen wurde die Chifournie traditionell auf Volksfesten eingesetzt und erfreute sich lange Zeit gro√üer Beliebtheit. Seit der Mitte des 19. Jahrhundert jedoch ist sie aus dem Alltagsleben verschwunden. Nun kehrt sie aber zur√ľck, n√§mlich nicht nur auf der Marke sondern auch in der Marke. Diese verf√ľgt n√§mlich, wie mittlerweile fast schon Standard, √ľber eine Smartphone-Funktion, die per App – also Software-Applikation – aktiviert werden kann. Das Programm gibt es bei der SEPAC oder der Druckerei Lowe-Martin kostenlos zum Herunterladen. F√ľhrt man dann das Smartphone √ľber die Marken, wird ein Filmchen geladen, auf dem man die Chifournie im Einsatz sehen und h√∂ren kann. Lediglich bei Menschen mit dem Vornamen Hieronymus soll diese Anwendung gelegentlich zu einem Zwicken im Hintern gef√ľhrt haben, ansonsten ist sie vollkommen ungef√§hrlich. Sollten sich alle Handy-Benutzer Europas spontan entschlie√üen, diese Funktion abzurufen, k√∂nnte das m√∂glicherweise sogar das Ende der Abh√∂raktionen der NSA bewirken…

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Authored by: Jan Sperhake

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