Architektur und die besondere Rolle der Post

Architektur und die besondere Rolle der Post

Eine in breiter √Ėffentlichkeit wirksame Einrichtung wie die Post hat seit eh und je h√∂chste Anspr√ľche an ihr eigenes Erscheinungsbild gestellt. Das ergab sich allein schon aus ihrem gesellschaftlichen Auftrag. Aus der F√ľlle historischer Postbauten in Deutschland sind zumeist jene Bauwerke im Ged√§chtnis geblieben, die f√ľr das Werden oder die Weiterentwicklung bedeutender deutscher postalischer Einrichtungen stehen. Das gilt vor allem f√ľr das erste Haus in Deutschland, das um 1550 in Augsburg eigens f√ľr Postzwecke errichtet wurde. Die im Auftrag des r√∂misch-deutschen K√∂nigs Maximilian, seit 1508 Kaiser des Heiligen R√∂mischen Reiches Deutscher Nation, im Jahre 1490 eingerichtete erste st√§ndige Postlinie zwischen seinen Residenzen in Innsbruck und Mechelen bei Br√ľssel besa√ü in dieser Stadt wichtige Anschl√ľsse nach anderen Landschaften und St√§dten. Die Taxis als Betreiber dieses Kurses lie√üen im Norden von Augsburg au√üerhalb der Stadtmauer ein Posthaus errichten, in dem Stall- und Kuriergeb√§ude sowie die Postmeisterwohnung untergebracht waren. Das f√ľr damalige Verh√§ltnisse imposante, heute eher bescheiden anmutende Bauwerk war √ľber dem Haupteingang mit einer bis unter das Dach reichenden Tafel mit dem Bild des zweik√∂pfigen Reichsadlers als Posthausschild gekennzeichnet. In allen wichtigen Handelszentren folgten √§hnliche Repr√§sentationsbauten.

Dieser DDR-Zusammendruck zum Tag der Philatelisten aus dem Jahre 1987 zeigt das ehemalige Hofpostamt und das Wartenbergpalais (MiNr. 3118-3119).

Vom Posthaus zum Post-Palast

Bis in die Zeit der ersten Eisenbahnen in Deutschland um 1850 nahmen die Passagierstuben, Expeditionen, Kanzleien und Wagenhallen nebst Pferdeställen den weitaus größeren Teil der Räumlichkeiten in Anspruch. In dieser Zeit beförderte die Post mit ihren pferdebespannten Fahrzeugen in der Hauptsache Personen, Pakete und verschiedene Waren. Der Briefverkehr selbst benötigte verhältnismäßig wenig Raum. Seine Abwicklung geschah in einer relativ kleinen Poststube.

Immer wieder präsentierte die Post der DDR historische Postgebäude auf ihren Sondermarken. Dieser Viererblock vom 3. Februar 1987 zeigt die Amtsgebäude in Freiberg, Perleberg, Weimar und Kirschau (DDR MiNr. 3067-3070).

Da mit dem Ausbau der Verkehrswege das postalische Volumen stieg, und damit verbunden auch die Einahmen, wurden bald immer gr√∂√üere Summen in repr√§sentative Geb√§ude investiert. Besonders prunkvoll wurde die Post in Preu√üen seit Ende des 17. Jahrhunderts mit Dienstgeb√§uden ausgestattet. Dem Reichsgrafen Casimir Kolbe von Wartenberg stand als General-Erb-Postmeister im Jahre 1700 zum Bau seines repr√§sentativen Amtssitzes das Gel√§nde der ‚ÄěAlten Post‚Äú bis zur Spreeseite zur Verf√ľgung. Das vom Baumeister Andreas Schl√ľter errichtete ‚ÄěPalais Wartenberg‚Äú blieb nach dem Sturz seines Besitzers 1712 Sitz des preu√üischen General-Postamtes und des Berliner Hof-Postamtes. Der vornehmen, mit pr√§chtigen Schmuckelementen versehenen Fassade des Geb√§udes entsprach auch seine innere Ausstattung. Als auch die ‚ÄěAlte Post‚Äú dem st√§ndig wachsenden Berlin mit einer inzwischen aufbl√ľhenden industriellen Produktion nicht mehr gen√ľgte, wurden General-Postamt und Berliner Hof-Postamt in die K√∂nigstra√üe (der heutigen Rathausstra√üe) und Spandauer Stra√üe verlegt, wo sie bis zu ihrer Zerst√∂rung durch Bombardements im Jahre 1943 zuletzt dem Berliner Stadt-Postamt C 2 als Dienstgeb√§ude dienten. Das repr√§sentative ‚ÄěPalais Wartenberg‚Äú und die ‚ÄěAlte Post‚Äú waren aber bereits am 19. November 1822 f√ľr 70500 Taler in den Besitz eines Berliner Kaufmanns √ľbergegangen. Obwohl das Geb√§ude unter Denkmalschutz stand, wurde es 1889 entgegen gro√üer B√ľrgerproteste im Zuge st√§dtebaulicher Ma√ünahmen abgerissen.

1984 zeigte die Bundespost das Augsburger Posthaus zum Tag der Briefmarke (MiNr. 1229). Auf den Posthausschildern der Thurn-und-Taxis-Post prangte stets der kaiserliche Doppeladler (DDR MiNr. 3302 und Bund MiNr. 903).

Heinrich von Stephan

Mit der Berufung Heinrich von Stephans ab dem 26. April 1870 zum General-Postdirektor des Norddeutschen Postverein (nach der Reichsgr√ľndung am 18. Januar 1871 der Reichspost) erlebte der Bau repr√§sentativer Postgeb√§ude in Norddeutschland einen nie zuvor und auch nicht nach seiner Amtszeit wieder erreichten H√∂hepunkt. Kaum in das Amt des General-Postdirektors des Norddeutschen Postvereins eingesetzt, begann Heinrich von Stephan ohne Verzug seine vielen Ideen zur Modernisierung der Post umzusetzen, die ihm schon bald den Ruf des Sch√∂pfers der modernen Post der Neuzeit einbrachten. Damals wurde der Begriff der ‚ÄěPosthausarchitektur‚Äú gepr√§gt, die sich zu einem wichtigen Bestandteil des Architekturschaffens seiner Zeit in Deutschland entwickelte. Kritische Zeitgenossen jener Zeit bezeichneten diese prunkvollen Postgeb√§ude als ‚ÄěPostpal√§ste‚Äú. So manches Geb√§ude wurde im Krieg zerst√∂rt und nicht wieder in der fr√ľheren Gestalt aufgebaut. Immerhin hatte der gro√üe Postbeamte aber daf√ľr gesorgt, dass fast alle Postgeb√§ude auf gro√üz√ľgigen Abbildungen f√ľr die Nachwelt √ľberliefert wurden.

Text: Fritz Steinwasser


Anzeige
Jetzt bestellen MICHEL
S√ľdwesteuropa 2019 (EK 2)

ISBN: 978-3-95402-292-2
Preis: 74,00 ‚ā¨
Versandkostenfreie Lieferung innerhalb Deutschlands.

Jetzt bestellen


Authored by: Stefan Liebig

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.