Jugendfreie Zonen – Editorial BMS Juni 2018

Jugendfreie Zonen – Editorial BMS Juni 2018

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
es stand in der Zeitung. Das baden-württembergische Ministerium für Kultus tut etwas gegen die immer weiter um sich greifende Schwäche in Rechtschreibung und Grammatik. Es gab eine 60-seitige Broschüre mit den wesentlichen Regeln der Orthografie und Interpunktion in Auftrag. Der „Rechtschreibrahmen“ enthält nicht nur Erklärungen, sondern auch didaktisch aufgearbeitete Beispiele.

„Eine Jugend, die etwas taugen soll, bedarf Erwachsener,
die ihr die dafür nötigen Grundlagen vermitteln.“

Wer aber nun meint, die Broschüre richte sich an die Schüler, der irrt. Zielgruppe sind die Lehrer. Im Stuttgarter Ministerium hat man offenbar eine bislang nicht diskutierte Ursache der Bildungsmisere erkannt, das mangelhafte Wissen der Pädagogen. Nach den Elternhäusern, in denen mehr und mehr Kinder kaum oder keinerlei Anregungen bekommen, rückt eine weitere Gruppe Erwachsener in den Fokus, und das ist auch gut so.
Der seit Jahrtausenden gern zitierte Satz von der Jugend, die nichts mehr taugt, verschwieg nämlich seit Anbeginn, dass Kinder und Jugendliche nicht von irgendwelchen geheimnisvollen Instanzen lernen, sondern von ihren erwachsenen Kontaktpersonen in der Familie, in der Schule und in außerschulischen Einrichtungen. Eine Jugend, die etwas taugen soll, bedarf Erwachsener, die ihr die dafür nötigen Grundlagen vermitteln.
Das gilt auch für die Philatelie, in der erwachsene Funktionäre der Jugend seit Jahr und Tag vorwerfen, sich für alles andere, nur nicht für Briefmarken zu interessieren. Als ich noch etwas jünger war, wurden Fußball, Fernsehen und die aufkommenden Computer als Ursache ausgemacht, heute gelten Handy, Facebook und WhatsApp als Schuldige. Im Grunde genommen handeln sie nicht anders als rechtschreib- und grammatikschwache Lehrer, die für die Bildungsmisere unzählige andere Ursachen ausmachen, nur nicht das eigene Unvermögen.
Nicht fehlendes Interesse der Jugend, sondern das Unvermögen der Erwachsenen, die Jugend für unser Hobby zu begeistern, ist die Hauptursache für die seit Jahrzehnten anhaltende Misere der Philatelie. Besonders deutlich wurde dies in Leipzig. Auf die Initiative des Fachhandelsverbandes APHV, der höchst erfolgreich auf der Familienmesse modell-hobby-spiel Kindern und Jugendlichen die Grundlagen der Philatelie vermittelte, erfolgte keine einzige Reaktion der örtlichen Vereine. Zahlreiche junge Sammler kamen Jahr für Jahr in die Messehalle und erzählten von ihren philatelistischen Abenteuern, doch die Vertreter des APHV blieben ihre einzigen Ansprechpartner. Die Postleitregion 04 ist eine der vielen jugendfreien Zonen der deutschen Philatelie.
Ähnliches wissen Aktive aus reichlich anderen Teilen Deutschlands zu berichten. Das Desinteresse der Funktionäre vor Ort darf man nicht der jüngeren Generationen anlasten. Einzig und allein die Erwachsenen tragen die Verantwortung. Das gilt für die Bildungsmisere, das gilt für den ausbleibenden Nachwuchs in der Philatelie.


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Verfasst von: Torsten Berndt

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