Schach-Sammlung von Ex-Weltmeister Karpow

Schach-Sammlung von Ex-Weltmeister Karpow

„Es gibt immer Dinge, die unerreichbar scheinen. Das macht oft aber auch den Reiz aus”, sagt Anatoli Karpow. Ein Ausspruch, der wohl für jedes der vielen Betätigungsfelder des heute 68-Jährigen Gültigkeit hat. Denn die Schachlegende ist nicht nur Ex-Weltmeister und Weltrekordhalter mit über hundert gewonnenen internationalen Turnieren. Seit 2011 ist er Duma-Abgeordneter für Putins Regierungspartei Einiges Russland und engagiert sich weltweit für Kinderheime und Schachschulen.

Auch in philatelistischen Kreisen gehört Karpow zu den Ausnahmeerscheinungen: Über 100 000 Briefmarken und andere philatelistische Belege nennt er sein Eigen. Zu seinen Sammelgebieten gehören die Sowjetunion, die Marken der russischen Levante, deutsche Kolonien, Belgien und Belgisch-Kongo sowie Olympia, Fußball- und Schach-Briefmarken. Auf einen zweistelligen Euro-Millionenbetrag wird der Wert seiner Sammlung von Experten geschätzt.

„Man kann leider nicht alles haben!“

Schach Briefmarken Michel Karpow Weltmeister GSM (16)
Für Schachfreunde ein Muss: Im Schachdorf Ströbeck im Ostharz warten viele Attraktionen rund ums königliche Spiel auf Besucher (Postkarte aus der Sammlung von Manfred Dressler).

Beginn der Leidenschaften

Als er mit sieben Jahren begann, Briefmarken zu sammeln, war sein Schachtalent schon längst entdeckt. „Aber was lag näher, als meine beiden Hobbies miteinander zu verknüpfen?”, fragt er rhetorisch. Er beschränkte sich dabei nicht auf die Philatelie. Im Gespräch bemerkt man den Stolz auf seine Sammlung, bestehend aus Tausenden von Schachbüchern, Schachspielen, Anstecknadeln und allem, was mit seiner Passion zu tun hat. „Natürlich war es von Vorteil, dass sich meine finanziellen Möglichkeiten durch die erfolgreiche Schachkarriere enorm verbesserten”, beschreibt er eine Verhandlungsposition, von der die meisten Sammler träumen.
Prominente Tauschpartner fand er leicht: Mit russischen Schachkoryphäen wie dem neunten Weltmeister Tigran Petrosjan und Großmeister Lew Polugajewski sowie dem litauischen Meisterspieler Vladas Mikénas fanden in Turnierpausen Tauschbörsen und philatelistische Fachsimpeleien statt. „Das war unsere Art, von der Anspannung des Wettkampfs abzuschalten”, blickt Karpow zurück.

Links: Die erste Briefmarke mit Schachmotiv aus Bulgarien (MiNr. 608) erschien 1947.
Rechts: Von Karpow gibt es inzwischen hunderte Postwertzeichen. „Das war ein außergewöhnliches Gefühl“, sagte Karpow auf die Frage nach der Reaktion auf die erste „eigene“ Briefmarke mit seinem Konterfei. Surinam verausgabte die MiNr. 1104 bereits 1984.

Außerordentliche Sammlung


Ex-Weltmeister José Raúl Capablanca ist eine Schachlegende. Dieser kubanische Beleg mit den ersten Marken (MiNr. 294-300), die das Gesicht eines Schachspielers zeigten, gehört zu den Lieblingsbelegen Karpows.

Über die Jahrzehnte gelang es dem heutigen Politiker, eine weltweit wohl einzigartige Briefmarkensammlung aufzubauen. Zu ihr gehören unzählige Schachbelege in allen erdenklichen Varianten aus seinen Spezialgebieten und aus aller Welt.

Zwei von Karpows „Schätzchen“ (MiNr. Frankreich 1878, Monaco 864) – Turniere, an denen er erfolgreich teilnahm.

Wenn Experten den Wert seiner Sammlung auf einen zweistelligen Millionenbetrag schätzen, überrascht das zunächst. Verdeutlicht man sich aber, dass allein ein Teil seiner Belgien-Sammlung bei den Feldman- Auktionen im Dezember 2011 und April 2012 reihenweise Lospreise im fünf- und sechsstelligen Eurobereich erzielten, so erscheinen die Schätzungen nicht übertrieben.

Rekordergebnisse erzielten Anatoli Karpows Preziosen seiner Belgien-Sammlung bei einer Feldman-Auktion. Dieses Los wechselte für 240000 Euro den Besitzer – bei einem Startpreis von 15000 Euro!

Trotz dieser beeindruckenden Zahl hat sich Karpow davon verabschiedet, an jedes Wunschobjekt zu gelangen:
„Man kann nicht alles haben!“
Im Gegenteil: Wie beschrieben, trennt sich der passionierte Sammler gelegentlich sogar von einem Teil seiner über lange Zeit zusammengetragenen Stücke. Anders Thorell vom Genfer Auktionshaus David Feldman ist noch heute die Begeisterung anzuhören, wenn er an die aufregende Versteigerung der Auszüge aus der karpowschen Belgien-Sammlung zurückdenkt. „Das war einfach eine fantastische Auktion. Mehrere enthusiastische Belgier überboten sich, da selten ein derartig gutes Material auf dem Markt ist“, so der Philatelie-Experte.

Diese „Mischfrankatur auf Auslandsbrief“ kam ebenfalls bei Feldman unter den Hammer: 20 C „Epaulettes“ zusammen mit 40 C „Médaillion“ entwertet mit N°2 Raute von Alost (3.8.52) nach Battenberg. Frühester voll frankierter Brief nach Deutschland mit einmaliger Ausgabenmischfrankatur. Sehr späte Verwendung dieser Marken.

Förderung der Jugend

Auch mit einem anderen Auktionshaus pflegt Karpow intensive Kontakte. Als Schirmherr des von Christoph Gärtner ins Leben gerufenen Projektes „Lust auf Briefmarken“ unterstützt die Schachlegende die Jugendphil­atelie. Das Auktionshaus Christoph Gärtner spendete insgesamt 16 Millionen Briefmarken im Michel-Katalogwert von über zehn Millionen Euro für Bildungsprojekte für Kinder und Jugendliche.

Screenshot der Website Lust auf Briefmarken.

Weitere Projektpartner beteiligten sich am Programm: Der Schwaneberger Verlag stattete die 2000 Starterboxen zudem mit je einem Michel-Katalog aus, der Leuchtturm Verlag übernahm die Grundausstattung mit Lupen, Pinzetten und Einsteckbüchern, die deutsche Postphil­atelie stiftete weiteres Zubehör und unterstützt die Projektgruppen vor Ort.
Für Karpow ein guter Start, um Kinder fürs Briefmarkensammeln und vielleicht auch für Schach zu begeistern, denn „die Philatelie bietet unglaubliche Möglichkeiten, wichtiges und vielfältiges Wissen zu erwerben und die Fähigkeit, sich zu konzentrieren“. Ansätze, die er auch mit seinen Schirmherrschaften und Konzepten für mehrere hundert Schachschulen, Schachsommercamps und Kinderheime weltweit verfolgt.

Schachmotivsammler

Aber auch mit den bereits erwachsenen Sammlern kooperiert Karpow. So ist er Ehrenmitglied der Gemeinschaft der Schachmotivsammler (GSM). „Ein solches Mitglied zu haben, ist natürlich schon etwas Besonderes“, sagt der erste Vorsitzende der GSM, Wolfgang Pähtz. Schachfreunde horchen bei seinem Nachnamen sofort auf. Er ist der Bruder von Großmeister Thomas und Onkel von Thomas´ Tochter Elisabeth. Letztere gehört als Frauengroßmeisterin seit vielen Jahren zu den besten deutschen Spielerinnen. Wolfgang Pähtz selbst konnte zwar vor vielen Jahren mal ein Remis im Simultanwettkampf gegen Karpow erreichen, gab dann aber das Ziel einer professionellen Karriere auf.

Autogramm und österreichische Briefmarken (MiNr. 2651) einer der erfolgreichsten deutschen Schachspielerinnen Elisabeth Pähtz (aus der Sammlung von Wolfgang Pähtz).

Dem Schach bleibt er aber bis heute verbunden und sammelt alles, was mit dem königlichen Spiel zu tun hat (zu sehen auf der Website von Pähtz). Natürlich sammelt er auch Briefmarken, bezeichnet sich aber nicht als Philatelist. Der Schwerpunkt seiner riesigen Sammlung liegt auf Schachbüchern und -zeitschriften.
Zu seinen Lieblingsobjekten gehören Ansichtskarten von Schachkongressen vor dem Jahr 900 und auch für Schachliteratur begeistert er sich. Deutschland war in diesem kleinen Spezialbereich Vorreiter. Doch als die früher 400, heute noch etwa 150 Mitglieder zählende GSM vor eineinhalb Jahren händeringend nach einem Präsidenten suchte, ließ sich Pähtz breitschlagen. In seiner neuen Funktion veröffentlicht er regelmäßig die Verbandsnachrichten für die Mitglieder und organisiert die jährlichen Sammlertreffen, wie etwa das diesjährige am Christi-Himmelfahrtswochenende in Jena.

Freude und Verdruss

Nachwuchssorgen lassen sich also auch bei den Schachmotivsammlern erkennen. Einen Grund darin sieht das GSM-Mitglied Manfred Dressler aus Neustadt in Sachsen in der ausufernden Ausgabepolitik einiger Postverwaltungen. „Die unzähligen neuen Briefmarken aus größtenteils afrikanischen Ländern bewogen mich dazu, neue Marken ab dem Jahr 2000 nicht mehr zu sammeln“, sagt er und man merkt, dass es ihm eigentlich leid tut. Doch die Tatsache, dass ab 2000 weltweit mehr Marken mit Schachmotiven verausgabt wurden, als in den fünf Jahrzehnten zuvor, weckt Verständnis für seinen Ärger.

Diese luftpostbeförderten Antwort-Postkarten – Schweiz nach Israel und retour – aus der umfangreichen Schachsammlung von Manfred Dressler gehören zu seinen Lieblingsstücken.

Doch Dressler lässt sich den Spaß nicht verderben. Auch er verfügt über eine riesige und vielfältige Sammlung zum Thema Schach. Selbst Ärmelabzeichen von Feuerwehren mit Schachbrettlogo oder Zigarren-Bauchbinden hat er aufgetan und archiviert. Während der DDR-Zeit nutzte er Fernschachturniere, um Kontakt zu ausländischen Schachfreunden und teilweise auch Philatelisten aufzubauen. Eines seiner Schmuckstücke ist eine Antwortpostkarte mit Schachmarken, die von der Schweiz nach Israel und wieder retour befördert wurde. Denn gerade auf Schach-Briefmarken hat er sich spezialisiert. Viele befinden sich auf gelaufenen Postkarten, Fernschachkarten oder Briefen. Aber auch Einzelstücke oder Blocks mit hohem Sammlerwert gehören in sein Portfolio. Beruhigend zu sehen, dass die unbefriedigende Ausgabepolitik der Postverwaltungen zwar für Verdruss sorgt, aber dem Sammelspaß nicht den Garaus machen kann.

Zukunftshoffnungen

Schach und Philatelie haben viel gemeinsam: Beide verbinden Elemente von Kultur, Kunst, Wissenschaft und – beim einen mehr, beim anderen weniger – es spielt auch der Wettkampf eine wichtige Rolle. Beide Hobbies bieten enorme Potenziale, pädagogisch eingesetzt zu werden. Im Schach sind diesbezüglich bereits sehr viele Projekte entstanden. So gibt es Schachschulen und neuerdings auch Schachunterricht an regulären Grundschulen und Kindergärten. Der Deutsche Schachbund unterstützt dies mit umfassenden Förderprogrammen. Die Betreuer an den Kindergärten und Schulen – übrigens häufig keine Schachspieler – zeigen sich beeindruckt von dem gestiegenen Aufmerksamkeitsgrad der Kinder, der sich auf viele Bereiche des Lernens positiv auswirkt.
Gerade aktive Bindeglieder zwischen beiden „Welten“, wie Ex-Weltmeister und Philatelieexperte Anatoli Karpow oder auch die Gemeinschaft der Schachmotivsammler können hier eine wichtige Rolle spielen und solche Erfolgsprojekte auch für die Philatelie forcieren.
Es wäre schön, wenn sich so wieder mehr Jugendliche für die Philatelie begeistern lassen würden. Dabei muss es ja nicht unbedingt eine Schach-Briefmarkensammlung sein, denn jedes beliebige Hobby oder aktuelle Thema lässt sich philatelistisch darstellen. Das Auktionshaus Christoph Gärtner hat hier mit dem Projekt „Lust auf Briefmarken“ einen bemerkenswerten Schritt zur Motivation des potenziellen Nachwuchses getan – Nachahmer mit weiteren guten Ideen sind dringend gesucht …

  • Der aktuelle Weltmeister Magnus Carlsen wird auf diesem Block von Boris Becker „unterstützt“ (MiNr. 5351-54).
  • Aserbaidschan kann sogar drei Interessen auf einer Marke verbinden: Comic, Schach und Philatelie (MiNr. 437).
  • Ein weiterer Ex-Weltmeister, der heute in der Politik aktiv ist. Garri Kasparow lieferte sich mit Anatoli Karpow nicht nur am Schachbrett heiße Schlachten (MiNr. 9761).
  • Viele Experten sagen, der 1916 geborene Este Paul Keres sei der beste Spieler, dem es nie gelang, den Weltmeister-Thron zu besteigen (MiNr. 846).
  • Deutsche Briefmarke zur Schacholympiade 2008 in Dresden (MiNr. 2651).
  • Die bislang einzige deutsche Briefmarke mit einem Schachspieler erschien 1968 zum 100. Geburtstag des bislang einzigen deutschen Schachweltmeisters Emanuel Lasker (MiNr. 1387).

Titelabbildung: Karpow (hier auf der jugoslawischen Marke mit der MiNr. 2766) ist nicht nur einer der besten Schachspieler aller Zeiten, sondern auch ein großer Sammler.
Bildmaterial: Schwaneberger Verlag, Wolfgang Pähtz (GSM), Manfred Dressler, Dieter Auer

Michel Schach – Ganze Welt

Auch Nichtschachspieler werden schnell die Faszination und Vielfalt des königlichen Spiels spüren: Den Anfang machte eine bulgarische Briefmarke. Die bulgarische Post widmete sie im Jahre 1947 den Balkan-Spielen. Das erste Konterfei eines Schachmeisters auf einer Marke zeigte 1951 den legendären kubanischen Ex-Weltmeister José Raúl Capablanca. In der Folge entwickelte sich Schach zu einem international sehr beliebten Sammelmotiv. Prominentester Sammler ist Ex-Weltmeister Anatoli Karpow. Der Russe verfügt über die wohl bedeutendste Sammlung. Zeit für Michel, den Sammlern endlich eine handliche Übersicht über das Sammelgebiet zu einer der weltweit beliebtesten Sportarten zu geben.
In gewohnter Michel-Manier liefert der Katalog eine Übersicht über alte und neue Marken und damit einen tiefen Einblick in die Schachgeschichte vom einzigen deutschen Weltmeister Emanuel Lasker bis zum aktuellen Titelträger Magnus Carlsen aus Norwegen. Die Motive reichen bis hin zu Schachbrettern, -figuren, -skulpturen und abstrakten Darstellungen. Häufig spiegelt sich die Bedeutung des Spiels in einem Land an der Anzahl der erschienenen Marken wieder, wie beispielsweise in Armenien oder Jugoslawien. Doch viele afrikanische Staaten fluten zum Verdruss der Schachmotivsammler den Markt mit ihren Ausgaben. Auch die in Ostasien verbreitete Schachvariante Xiangqi findet sich im Katalog wieder (siehe Abbildung, China MiNr. 4491).
Michel Schach – Ganze Welt. 176 Seiten, 3000 Farbabbildungen, Format 14,8 x 21 cm, kartoniert. ISBN 978-3-95402-244-1. Preis: 49 Euro. Erhältlich im Fach- und Buchhandel und Philapress-Vertrieb,
Telefon 0551 / 901520.


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Verfasst von: Stefan Liebig

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