Solidarische Ökonomie im Südpazifik

Solidarische Ökonomie im Südpazifik

Den meisten Menschen ist die Inselgruppe Tokelau kaum bekannt. Sie besteht aus den drei bewohnten Korallenatollen Atafu, Nukunonu und Fakaofon und liegt im Südpazifik. Rund 1500 Menschen leben auf den drei Inseln, die nur wenige Meter über der Meeresoberfläche liegen und daher von Tsunamis, Taifunen und dem Anstieg des Meeresspiegels durch die globale Erderwärmung besonders bedroht sind.

Im November 2010 erregten drei Jugendliche aus Tokelau internationales Aufsehen. Sie waren 50 Tage in einem kleinen Boot auf dem Ozean umhergetrieben, bevor sie von einem Fischkutter über 1300 Kilometer südöstlich ihrer Heimatinsel gerettet wurden. Überlebt hatten sie durch einen starken Überlebenswillen, das Auffangen von Regenwasser, mehrere Kokosnüsse, die sie an Bord hatten und eine Möwe, die sie fangen konnten und roh verspeisten.

Tokelau verfügt über keinen Flughafen. Zwei bis dreimal monatlich legt ein Frachtschiff aus Samoa an und versorgt die Bewohner mit Nahrungsmitteln, Medikamenten, technischen Geräten und Post. Die Anreise von Samoa dauert 25 bis 30 Stunden.

Auf Tokelau wird ein traditionelles, solidarisches und einzigartiges Verteilungssystem für Nahrungsmittel praktiziert. Es nennt sich Inati und stellt die Ernährung und das Wohlergehen der isolierten Inselgemeinschaft sicher. Die Ausbeute des Fischfangs und die landwirtschaftlich erzeugten Produkte werden proportional unter den kleinen und großen Haushalten aufgeteilt.

Auf den jüngsten,, am 1. Mai 2019 herausgegebenen Tokelau-Briefmarken wird auf dieses ethisch-politische Handeln verwiesen und traditionelle Nahrungsmittel werden vorgestellt. Die Markenfläche ist geviertelt, in gespiegelter Form werden jeweils vier gleiche Motive präsentiert. Traditionell wurden in Tokelau die Speisen in Erdöfen zubereitet. Heute nutzen viele Haushalte Kerosin-Kocher.

Die 45-Cent-Marke zeigt die herzförmigen Blätter der Nutzpflanze Taro. Vor dem Verzehr werden die stärkehaltigen Rhizome gekocht oder geröstet. Auf dem 1,40-$-Wert werden Blätter des Brotfruchtbaums abgebildet. Sie befinden sich meist am Ende langer Zweige. Die außen grünen, bis zu zwei Kilo schweren, Früchte bestehen aus weißem Fruchtfleisch. Die Früchte enthalten Stärke und Eiweiß und dienen in Asien als Grundnahrungsmittel. Der Brotfruchtbaum ermöglicht bis zu drei Ernten pro Jahr und gewährt bis zu 70 Jahre lang Erträge. Fische sind auf der 2,00-$-Marke zu sehen. Kokosnüsse werden auf der 3,00-$-Marke dargestellt.

Der Bayerische Rundfunk nennt die Art des Wirtschaftens nach dem Inati-System in einer landeskundlichen Reportage „eine Art Ur-Kommunismus, in dem alles geteilt wird“. Die Schweizer Autorin Damaris Kofmehl, hat die eingangs erwähnte Odyssee der drei geretteten Jugendlichen zu dem Jugendroman „Verschollen in der Südsee“ verarbeitet. Darin beschreibt sie auch das Inati-System: „Wenn es ums Teilen ging, waren die Tokelauer vorbildlich. Sie waren sehr großzügig im Geben. Einmal pro Woche fuhren die Männer gemeinsam zum Fischen. Der gesamte Fang wurde anschließend unter allen Familien gerecht aufgeteilt.“ Das geschah in folgender Weise. „Die Fische wurden je nach Familiengröße in große und kleine Häufchen aufgeteilt, welche die Kinder dann in Eimern, Körben oder Schubkarren abholten und nach Hause brachten“.

Artikel aus der BMS 6/2019

Der Artikel ist bereits in der Juni-Ausgabe des BRIEFMARKEN SPIEGEL erschienen. Das aktuelle Heft ist in Kiosken und Bahnhofsbuchhandlungen erhältlich. Abonnenten erhalten ihren BMS immer einige Tage früher als im Einzelverkauf und sparen auch noch Geld.

Verfasst von: Kai Böhne

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