Twelve points, douze points, zwölf Punkte

Twelve points, douze points, zwölf Punkte

Ein Fernsehbeitrag über das Narzissenfest im schweizerischen Montreux 1954 sollte Fernsehgeschichte schreiben, da es die erste Eurovisionsübertragung war. Eurovision – das ist der Versuch, nach dem Zweiten Weltkrieg Radio- wie Fernsehprogramme innerhalb Europas auszutauschen, Vorurteile abzubauen, Synergien zu nutzen, die Gemeinschaft zwischen den europäischen Staaten zu fördern. Zwei Jahre später wurde die Idee geboren, die bis heute den Leuchtturm der Eurovisions-Idee darstellt, die heute die größte und aufwändigste jährliche Show der Welt ist: der Eurovision Song Contest.

Eine Vision wird Eurovision

MiNr. 2368 aus Griechenland anlässlich des ESC 2006 in Athen, Slogan „Fühle den Rhythmus“.

1955 hatte der spätere Intendant der schweizerischen Rundfunkanstalt SRG, Marcel Bezençon, die Idee, einen europäischen Schlagerwettbewerb zu initiieren, um den Kulturaustausch innerhalb Europas zu fördern. „Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne“ (ESC) sollte sein Name lauten. Bereits 1956 wurde in Lugano in der Schweiz der erste Wettbewerb mit 14 teilnehmenden Nationen ausgetragen. Erste Gewinnerin war die Sängerin Lys Assia für die Schweiz. Wesentliche Elemente, wie beispielsweise die Punktevergabe von eins bis zwölf, existieren bis heute, wenn auch die nationalen Fachjurys nicht mehr alleine den Gewinner küren, denn seit geraumer Zeit können die Zuschauer durch eine Telefonabstimmung mitmachen.

Seit den 1950er-Jahren steigt die Anzahl der Länder wie die Popularität des Wettbewerbes immer weiter, immer mehr Rundfunkanstalten bzw. Nationen nehmen teil. Die Musikindustrie erkennt das Potenzial der Veranstaltung frühzeitig. Gleichzeitig wird die Show bei den Zuschauern immer populärer. Im Jahr 1958 gibt es zudem die Änderung, dass das Gewinnerland im folgenden Jahr den nächsten Grand Prix austragen soll.

Das sorgt für zusätzliche Anziehungskraft, schließlich wollen die Länder sich bestmöglich präsentieren und die Aufmerksamkeit für ihr Land gewinnen. Auch wird die Veranstaltung immer größer. Wurde sie in den ersten Jahren hauptsächlich aus den jeweiligen Funkhäusern und Sendezentren gesendet, sind es heute die jeweils größten Hallen der jeweiligen Länder. Deutschland gewann den Wettbewerb erst zwei Mal: 1982 siegte die Sängerin Nicole mit ihrem Lied „Ein bisschen Frieden“ im britischen Harrogate, 2010 triumphierte Lena mit „Satellite“ in Oslo.

Jugoslawien gab 1990 die ersten Briefmarken zum „Euro Song“ in Zagreb aus (MiNr. 2417–18).

Mitmachen kann jedes Land, das sich in der Europäischen Rundfunkunion (EBU) befindet. Somit sind heute bereits 64 Nationen teilnahmeberechtigt und daher kann auch Großbritannien weiterhin beim Wettbewerb mitmachen. Der Zusammenbruch Jugoslawiens sorgte 1993 dafür, dass ein extra Vorentscheid entwickelt werden musste. 2008 wurden zwei Halbfinals geschaffen, aus denen sich dann das Finale zusammensetzt. Gesetzt sind jedoch immer sechs Nationen, die am meisten Geld für das Spektakel ausgeben (Italien, Frankreich, England, Spanien und Deutschland) sowie der jeweilige Gastgeber.

Die hohen Kosten sorgen dabei immer für Diskussionen. Als Deutschland 2011 in Düsseldorf die Show veranstaltete, wurden zwölf Millionen Euro dafür ausgegeben, Österreichs ORF bezifferte die Kosten nach dem Sieg von Conchita Wurst auf 25 Millionen Euro, um 2015 die Wiener Stadthalle showtauglich zu gestalten.

Australien und Marokko

Bei den Teilnehmerländern gibt es seit dem Jahr 2015 eine kleine Kuriosität: Australien darf aufgrund der großen Popularität der Show in Down Under ebenfalls teilnehmen. 1980 war auch das EBU-Mitgliedsland Marokko einmalig mit dabei. In diesem Jahr fand das osteuropäische Gegenstück zum ESC letztmalig statt. Von 1977 bis 1980 wurde der „Intervisions-Liederwettbewerb“ im Ostblock veranstaltet – Intervision war das Pendant zur Eurovision. Länder wie Österreich und Finnland durften an beiden Veranstaltungen teilnehmen, da sie in beiden Organisationen (aufgrund ihrer Randlage) Mitglied waren. Es zeigt, welch grenzübergreifende Tragweite das Eurovisions-Spektakel hat.

ESC in der Philatelie

Ersttagsbrief mit allen österreichischen Ausgaben zum ESC 2015 in Wien, sowie rechts Autogramm der Gewinnerin Conchita Wurst.

Philatelistisch ist das Thema ESC bisher sehr wenig gewürdigt worden, was angesichts des paneuropäischen Gedankens überrascht. Erst 1990 gab es die ersten Briefmarken zum Thema in Jugoslawien. 2006 in Griechenland, die Ukraine hat ihre beiden Gewinnerinnen (2004, 2016) mit einer Briefmarke gewürdigt. Finnland präsentierte im bislang einzigen Gewinnerjahr die herausragenden Künstler auf einer Blockausgabe, 2008 tat Serbien dasselbe. In Deutschland gab es keinen Sonderstempel oder gar Briefmarken, mir ist nur ein Freistempelabdruck der Stadt Düsseldorf bekannt. Norwegen emittierte 2010 einige Ausgaben mit ausgewählten Interpreten des Wettbewerbes. Aserbaidschan präsentierte sich als Land des Feuers. Mazedonien ist bislang das einzige Land, das ohne Siegerlied Briefmarken ausgab, die Blockausgabe würdigte das 60. Jubiläum des Musikwettbewerbs. Österreich als Gastgeber 2015 gab sowohl eine Briefmarke, zusätzlich zwei Automatenmarken aus. Die bislang letzten Briefmarken stammen aus Israel aus dem Jahr 2019, bei denen es sich ebenfalls um ATM handelt.

Ferner gibt es auch einige Künstler, die bei dem Eurovision Song Contest aufgetreten sind, die eine Briefmarke bekamen. Beispielsweise die niederländische Sängerin Anouk oder der österreichische Künstler Udo Jürgens. Die Post der Insel Åland ehrte den Interpreten Lasse Holm 2019 mit einer Briefmarke. Die legendäre Musikgruppe ABBA, die durch den Wettbewerb ganz Europa eroberte, wurde ebenfalls mit einigen schwedischen Briefmarken gewürdigt.

In den 2000ern wird das frühere „Hochamt“ der europäischen Schlager- beziehungsweise Musikszene zusehends vielfältiger und bunter. War es bislang ein oftmals ernstzunehmender, leicht trocken wirkender Wettbewerb, brachte das neue Jahrtausend neue Charaktere hervor, die dem Song Contest neue Frische verliehen. Deutsche Künstler, wie Guildo Horn – „Guildo hat euch lieb“ – oder Stefan Raab – „Wadde Hadde Dudde da?!“ – lösten einen neuen Hype aus. Es entstand mehr ein Spaß- und Unterhaltungsevent auf europäischer Bühne. Das hatte aber auch zur Folge, dass die seit 1956 festen Bestandteile, wie die Rundfunkorchester, ab 2000 nicht mehr dazugehörten. Auch musste nicht mehr in der Landessprache gesungen werden, der Popmusik-Sprache Englisch konnte man nicht entkommen.

Keinesfalls aber werden alljährlich 26 gleichklingende Pophits präsentiert. In den letzten Jahren zeigten sich immer mehr Vielfalt und auch landestypische Eigenheiten der Musik. Portugiesischer Fado, finnischer Monster-Metal, transsexuelle Sängerinnen aus Israel oder serbische Power-Balladen – alles ist inzwischen möglich und hat auch eine Chance auf den Sieg. Die eben aufgezählten haben beispielsweise alle den Wettbewerb gewonnen.

Israel trug 2019 die Veranstaltung zum vierten Mal aus. Die Automatenmarke zeigt das Logo der Show, einen stilisierten Davidstern.

Politik und Musik

Politisch sorgt die paneuropäische Veranstaltung häufig für Zündstoff. Immer wieder spielt das aktuelle Zeitgeschehen eine Rolle. 2009 wird der georgische Song „We don’t wanna put in“ disqualifiziert, weil sich letztere Silbe nach dem Namen eines gewissen russischen Präsidenten anhört. 2016 nimmt für die Ukraine mit Jamala eine Krimtatarin teil. Sie stammt aus der von Russland besetzten Ostukraine und gewinnt den Wettbewerb.
Ein Jahr später verweigert die Ukraine der russischen Teilnehmerin die Einreise. 2009 wurde von einem groß angelegten Betrug berichtet, nachdem sich einige Länder Punkte erkauft oder gar Anruferdaten gefälscht haben sollen. Auch die sexuelle Orientierung von Künstlern wie Dana International (1998) oder Conchita Wurst (2014) ist immer wieder Gegenstand der Diskussion. Länder wie Ungarn oder die Türkei nehmen deshalb seit einigen Jahren nicht mehr teil. 2016 bekam die Europäische Rundfunkunion die Aachener Karlsmedaille, da die Veranstaltung ein Brückenbauer für Europa ist. Länder, Kulturen und Besonderheiten kommen so auf fast schon spielerische Weise zusammen, fördern den Frieden innerhalb der einzelnen Länder und bauen Vorurteile ab – schließlich ist es am Ende des Abends ganz egal, welches Land gesiegt hat. Außerdem wartet man ein Jahr gespannt, wie das Gewinnerland die Veranstaltung im nächsten Jahr gestalten wird. Am 22. Mai steigt in der Arena in Rotterdam der nächste Eurovision Song Contest – schauen Sie doch mal rein!

Jonas M. Staab


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Authored by: BMS-Redaktion

There is 1 comment for this article
  1. Dieter Stephan at 12:28

    Super Artikel , welcher gut auf heute Abend einstimmt. Mehr von solchen frischen Themen, was sicherlich junge Leute für die Philatelie anspricht.

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