Bundesland aus der Retorte – 75 Jahre Rheinland-Pfalz

Bundesland aus der Retorte – 75 Jahre Rheinland-Pfalz

Als vor 75 Jahren durch die französische Militärverordnung Nr. 57 das Land Rheinland-Pfalz geschaffen wurde, gab es dazu wenig Beifall aus der Bevölkerung. Sowohl geschichtlich als auch wirtschaftlich verfügte das von den Franzosen „zusammengewürfelte Territorium“ nur über wenige Gemeinsamkeiten.

Das am 30. August 1946 gegründete Bundesland „aus der Retorte“ umfasste die ehemals bayerische Pfalz, Teile der preußischen Rheinprovinz, Rheinhessen, ein Stück der preußischen Provinz Hessen-Nassau und das ehemals oldenburgische Gebiet Birkenfeld. So nimmt es nicht Wunder, dass die Bevölkerung der Landesverfassung im Mai 1947 nur mit knapper Mehrheit zustimmte. Viele sagten dem wirtschaftlich schwachen „Retortenbaby“ keine lange Lebensdauer voraus – sie irrten sich.

Mischfrankatur Französische Zone / Rheinland Pfalz auf R-Brief von Koblenz nach Berlin am 12. Mai 1947. Links oben auf dem Umschlag ist wie vorgeschrieben die Sprache des Schreibens angegeben.

Hauptstadt Mainz

Obwohl die Franzosen das stark zerstörte Mainz zur Hauptstadt bestimmten, arbeiteten Landesregierung und Landtag zunächst provisorisch in Koblenz. Das Land umfasste damals wie heute 19 854 Quadratkilometer und zählte nach dem Krieg 2,8 (heute 4,1) Millionen Einwohner.

Immerhin war zu diesem Zeitpunkt nach Monaten des Verbotes der private Postverkehr wieder erlaubt. Seit dem April 1946 durften Briefe und Karten sogar in das Ausland geschrieben werden. Eigene Briefmarken für das neue Land gab es Ende August 1946 natürlich noch keine. Die Postkunden nutzten die von den Besatzern zur Verfügung gestellte „Allgemeine Ausgabe“ der Französischen Zone. Das waren zehn Pfennig-Werte im Wappenmuster und drei im hochwertigen Stichtiefdruck gefertigte Werte zu einer, zwei und drei Mark mit den Bildnissen von Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Heinrich Heine. Ausgeprägter als in der britischen und amerikanischen Besatzungszone kam es bei der Versorgung mit Briefmarken immer wieder zu Engpässen. Deswegen sind bis heute etliche Belege erhalten, bei denen eine komplette Barfrankierung oder nur eine Teilfrankierung mittels Postwertzeichen erfolgte.

Vergleich: Porta-Nigra-Motiv der ersten (Währungsangabe in Pfennig), der zweiten (Dpf) und der dritten Freimarken-Ausgabe (MiNr. 4, 18, 40).

Romantiker-Serie

Die anfangs in Rheinland-Pfalz verwendeten Marken der Französischen Zone gaben hinsichtlich Papier, Farbschwankungen und Druckmängeln schon einen Vorgeschmack auf das, was kommen sollte. Im Frühjahr 1947 war es dann soweit. Anfang April kam mit dem roten 24-Reichspfennig-Wert „Wormser Dom“ die erste Freimarke an die Postschalter, bald darauf folgten weitere Werte zu 12, 15 und 45 Reichspfennigen.

Alle Werte der Dauerserie wurden entworfen von dem litauischen Künstler Vytautas Kazimieras Jonynas (1907 – 1997), der nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland lebte. Die ausgewählten Motive waren durchaus ansprechend und gaben wie in den beiden anderen Ausgabegebieten Baden und Württemberg-Hohenzollern Persönlichkeiten und Ansichten aus dem Land wieder.

An Persönlichkeiten berücksichtigte der im Auftrage Frankreichs arbeitende litauische Designer auf den Marken zu 2 und 60 Pfennig den Komponisten Ludwig van Beethoven, auf 3 Pfennig den katholischen Sozialpolitiker Wilhelm Emanuel Ketteler, beim Wert zu 15 Pfennig den Philosophen und Nationalökonomen Karl Marx und auf den Nominalen zu 30 und 75 Pfennig Johannes Gutenberg, den Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Vorlage war hier sein Denkmal in Mainz. Der Höchstwert zu 1 DM erinnerte anhand der Goldschmiedearbeit am Karlsschrein in Aachen an Kaiser Karl den Großen.

Der zweite Teil der Motive machte mit landschaftlichen Attraktionen und typischen Stadtansichten bekannt. Der Designer stellte vor: eine Winzerin vor der Ruine Maxburg und die Weinstraße bei Hambach auf dem Wert zu 10 Pfennig, die Porta Nigra in Trier auf 12 Pfennig, den einzigartigen Felsen Teufelstisch im Pfälzerwald auf 16 Pfennig, auf dem Wert zu 20 Pfennig Winzerhäuser in Sankt Martin, auf 24 Pfennig den Wormser Dom, auf 45 Pfennig und 50 Pfennig den Mainzer Dom. Der breitformatige zweithöchste Wert zu 84 Pfennig präsentierte höchst romantisch die im Rhein thronende Pfalz bei Kaub und die Burg Gutenfels hoch über dem Strom.

Diese 15 Werte der ersten Freimarken-Serie waren bis zur Währungsreform am 20. Juni 1948 gültig. Das bedeutet, dass die zuletzt an die Schalter gelangten Marken zu 30 und 50 Pfennigen nur ein reichliches Vierteljahr zur Frankatur genutzt werden konnten. Überhaupt bewerten Kataloge gestempelte Werte der Serie höher als ungestempelte, wobei sie allesamt für „kleines Geld“ zu bekommen sind.

Das ändert sich beim spezialisierten Sammeln. Da gibt es erhebliche Unterschiede in der Farbe und der Dicke des Papiers, bei der Gummierung und im Markenbild. Spezialkataloge und Handbücher erwähnen Mauerschatten bei der Porta Nigra, gekürzte Äste beim Teufelstisch, verkleinerte Fenster im Mainzer Dom, unterschiedliche Füße bei Karl dem Großen und vieles mehr.

Dazu kommen zahlreiche Plattenfehler. Manche Sammler spezialisierten sich auf Eckrandstücke mit dem kompletten Druckdatum für die einzelnen Werte, wobei es selbst hier wieder Abarten gibt. Zudem existieren Probedrucke und recht teure Ministerblocks. Schon diese erste Freimarkenserie zeigt: Rheinland-Pfalz kann sehr gut in die Tiefe gesammelt werden.

Die neue Währung

Am historischen 20. Juni 1948 kam die Währungsreform. Die Deutsche Mark zu 100 Pfennigen wurde eingeführt, die Reichsmark verschwand. Als „Kopfgeld“ erhielt jeder Bürger 40 DM, etwas später noch einmal 20 DM.

Da hieß es sparsam sein. Die Hälfte der Bankguthaben wurde zunächst einmal 10:1 gutgeschrieben, die Post duldete recht selten und nur wenige Tage Zehnfachfrankaturen auf Sendungen. Eine neue Serie an Freimarken wurde notwendig. Nur etwa die Hälfte der 14 Nominale lag schon am 21. Juni an den Postschaltern vor.

Gesucht von Spezialisten sind korrigierte Bogennumern auf dem Rand, wie hier auf der 30-Pfennig-Gutenberg-Marke.

Nachkriegsproduktion

Die Motive waren dieselben, Änderungen gab es bei den Wertstufen, den Farben und vor allem durch die Inschrift „Dpf“ bei 8, 16, 20, 60 und 84 Pfennigen. Der nun blaue Höchstwert belief sich auf „1 DM“. Typenunterschiede, Abarten und Plattenfehler gab es bedingt durch die Herstellung in der Nachkriegszeit weiterhin reichlich.

Das trifft auch auf die dritte Serie an Freimarken zu, die ab November in Umlauf kam. Ihr voraus ging die Portoermäßigung vom 4. Oktober in der gesamten Zone. Ein Standardbrief Inland kostete nun 20 Pfennig, eine Postkarte 10 Pfennig im Fernverkehr. Demzufolge tauchten neue Werte auf wie ein blauer Karl Marx zu 5 Pfennig, die grüne Winzerin zu 10 Pfennig und als Höchstwert die lilabraune Pfalz bei Kaub zu 90 Pfennig. Diese Marke reichte zum Beispiel für einen Brief bis 500 Gramm im Fernverkehr als Nachnahme.

Einheitlich weist die dritte Serie keine Währungsangabe wie Pf oder Dpf auf. Wissenswert bei Belegen ist noch, dass die obligatorische Zuschlagsmarke „Notopfer Berlin“ vom 26. Januar 1949 bis 31. März 1949 und dann wieder ab 1. Juli 1949 bis Ende der Gültigkeit – für Dauerwerte 31. Dezember 1949 – verklebt werden musste.

Nur 13 Sondermarken

Im Vergleich zu den insgesamt 39 Dauerwerten (ohne Varianten) aus drei Serien ist die Anzahl der Sondermarken mit 13 plus einem Block recht bescheiden. Zwar gibt es auch hier einiges an Typen, Abarten und philatelistischen Spezialitäten, aber weitaus nicht so viel. Der größte Teil der Sondermarken wurde thematisch und terminlich abgestimmt mit den anderen beiden Ländern der Französischen Zone Baden und Württemberg-Hohenzollern. Das betrifft die vier Werte „Rotes Kreuz“ vom 25. Februar 1949 (einschließlich Block), die drei Werte vom 12. August zum 200. Geburtstag von Goethe, die beiden Querformate zum 100. Geburtstag der deutschen Briefmarken und die beiden Werte zum 75. Jahrestag des Weltpostvereins. Dazu kommen für Rheinland-Pfalz als eigenständige Sonderausgabe die zwei Zuschlagswerte „Hilfswerk Ludwigshafen“ vom 18. Oktober 1948. Eine gute Bezugsquelle für alle diese Ausgaben war die Briefmarken-Versandstelle der Post in Koblenz, die aber nur postfrisches „Material“ abgab.
Die Sondermarken werten allesamt gebraucht erheblich höher als die postfrischen Stücke. Für Belege gibt es natürlich Zuschläge, überboten noch von Ersttagsbriefen. Die Preise für einen (natürlich geprüften) gestempelten Block 1 in ordentlicher Erhaltung liegen bei drei, vierhundert Euro, zuweilen auch darüber. Auf Brief natürlich etliches mehr. Er bildet vom Preis her das Glanzstück der Rheinland-Pfalz-Ausgaben.

Teil eines Briefes mit Mischfrankatur Württemberg / Rheinland-Pfalz. Abgestempelt am 10. 12. 1949 in Frankfurt (Main), als die Bundesrepublik schon existierte.

Bundesweit gültig

Sehr reizvoll bei diesem Sammelgebiet sind fremde Verwendungen und Mischfrankaturen, die sich aus der historischen Entwicklung ergaben. Denn während die drei Länder der Französischen Zone noch fleißig neue Postwertzeichen verausgabten, entstand als neuer Staat die Bundesrepublik Deutschland. Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz verkündet, tags darauf trat es in Kraft. Der erste Bundestag konstituierte sich am 7. September, begleitet von zwei Sondermarken des neuen Ausgabelandes. Dessen ungeachtet wartete Rheinland-Pfalz im Anschluss noch mit vier Sondermarken auf. Die letzten beiden Werte erschienen am 4. Oktober 1949. Bereits am Tag zuvor waren die Postverwaltung der Bizone und der drei Länder der Französischen Zone dem Bundesminister für Post und Fernmeldewesen unterstellt worden.

Diese Überschneidung bescherte den Sammlern für ein paar Wochen eine spannende Frankatur-Periode. Denn ab 3. Oktober 1949 waren die Marken von Rheinland-Pfalz überall in der Bundesrepublik Deutschland gültig, auch in den beiden anderen Ländern der Französischen Zone. Ab 27. Oktober sogar in den Westsektoren von Berlin. Die drei letzten Sondermarken-Sätze „Goethe“, „Briefmarkenjubiläum“ und „Weltpostverein“ konnten also bis zum Gültigkeitsende 31. März 1950 außerhalb dieses Bundeslandes verklebt oder für Mischfrankaturen verwendet werden. Belege dieser Art gelten aber als philatelistisch inspiriert.

Andererseits boten die Postämter in allen drei Ländern der Französischen Zone die beiden Sondermarken des Bundes zur Eröffnung des 1. Deutschen ­Bundestages ab 19. September 1949 zum Verkauf und zur Verwendung an. Eine ereignisreiche Zeit für aktive Deutschland-Sammler.

Text: Walter Köcher

Kontakt: Interessenten an diesem Sammelgebiet finden einen Ansprechpartner in der Bundesarbeitsgemeinschaft Französische Zone, weltweit unter www.argefz.de zu erreichen. Sie führt jährliche Treffen durch, gibt regelmäßig Rundbriefe heraus und präsentiert ihre Forschungsergebnisse im Handbuch und Spezialkatalog. Kontakt über Rolf Bechtler, Tel. 02631 / 58485, E-Mail: rolf.bechtler@t-online.de.

Herzlichen Dank an den Verein für Briefmarkenkunde Koblenz und Sammlerfreund Rainer Flesch für Abbildungs-Vor­lagen.


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Authored by: BMS-Redaktion

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