„Pfui Teufel, schmeckt das prächtig!“

„Pfui Teufel, schmeckt das prächtig!“

„Man kann Kriege führen ohne Frauen, ohne Munition, sogar ohne Stellungen, aber nicht ohne Tabak“, urteilte Arnold Zweig in seinem Roman „Erziehung vor Verdun“, um noch hinzuzufügen, „und schon gar nicht ohne Alkohol“. Tatsächlich prägte die Zigarette im Verlaufe des Ersten Weltkriegs zunehmend das Bild in den Schützengräben. Und dieses Bild wurde von verschiedenen Seiten reflektiert.

Während die Tabakwerbung den Soldaten mit seiner Zigarette ins Heroische übersteigerte, trieben Scherzpostkarten mehr oder weniger lustige Späße im Spannungsfeld von Verlangen und Genuss. Doch unter der glänzen- den Oberfläche zeichnete sich ab, dass die Zigarette für die Männer an der Front weit mehr als ein Genussmittel geworden war.

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Diese Scherzpostkarte sollte die Heimatfront beruhigen. In Wirklichkeit litten viele Soldaten Mangel an allem. Und ohne Tabak drohte viel eher die Kapitulation.

Zwei Korps verqualmt

Aus der Ferne betrachtet, verstört das Szenario. Der Soldat, täglich mit dem Tode konfrontiert, quittiert die Tatsache seines bisherigen Überlebens mit der Inhalation giftiger Substanzen, die langfristig eben jenen Tod bewirken können, dem er glücklich entronnen war. Freilich war das ganze Ausmaß der gesundheitsschädigenden Wirkung des Tabakrauchs damals noch nicht so in der öffentlichen Wahrnehmung verankert, wie es heute der Fall ist.

Experten wie Prof. Dr. Molenaar aus Darmstadt warnten hingegen schon 1917 vor der Zerstörungskraft des Rauchens. Nicht nur aus rassehygienischen Gründen, so der Professor in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Zeitung, sei die „ungeheure Qualmerei“ abzulehnen. Vielmehr kalkulierte er, dass die deutsche Armee durch das Rauchen junge Männer in der Größenordnung von zwei Armeekorps verloren habe. Bedauerlicherweise war der prominente „Anti-Tabakist“ nie auf den Gedanken gekommen, die gesundheitlichen Auswirkungen von Schießpulver durchzurechnen.

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Eine Foto-Postkarte mit Porträt eines rauchenden Soldaten. Das Bild sollte signalisieren, dass alles in Ordnung war. Solange man rauchte, war man immerhin am Leben.

Zeitgeistig rauchen

Tatsächlich waren Zigaretten gerade schwer in Mode, als der Krieg vom Zaun gebrochen wurde. Wurde Tabak im 17. Jahrhundert noch ausschließlich in Apotheken verkauft, etablierte sich das Rauchen von Zigarren in den folgenden zwei Jahrhunderten zu einem Genuss des Erb- und Geldadels. Kuba war unangefochtener Exportweltmeister. Doch als 1854 während des Krimkrieges britische und französische Soldaten vor Sewastopol lagen, lernten sie durch ihre osmanischen Verbündeten die feinen Orienttabake kennen, die sie „nach russischer Art“ in kleinen selbstgefalteten Papierpfeifen rauchten. Keine zehn Jahre später schossen auch im deutschsprachigen Raum Zigarettenfabriken wie Pilze aus dem Boden. Ende des 19. Jahrhunderts gab es über 9000 Zigarettenmarken, meist regionale Produkte für den lokalen Markt. Der Zeitgeist der Industrialisierung hatte das langsame und etwas behäbige Zigarren- und Pfeifenrauchen ins Abseits gedrängt. Die Zigarette entsprach der neuen Schnelllebigkeit. Sie war fix und fertig und immer verfügbar. Das deutsche Steuerrecht dokumentierte ihren Siegeszug, indem es 1906 die Besteuerung des Rohtabaks aufhob und auf das Produkt übertrug.

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Es war stimmig, wenn diese drei rauchenden Knaben Durchhalte­parolen verkündeten, verbluteten doch immer mehr Minderjährige in den Schützengräben und Stacheldrahtverhauen.

Zigaretten für die Front

Glaubte man der zeitgenössischen Werbung, spendeten Zigaretten „Trost, Beruhigung, Erquickung, Stärkung und Behagen“ – alles Verfasstheiten, die der Frontsoldat im Schützengraben nötig hatte. Und so standen in den Rationsplänen die täglichen Zigaretten aufgelistet. Auch in den Liebesgaben der Angehörigen durften sie nicht fehlen, was auch von der Zigarettenindustrie nach Kräften befeuert wurde. Wie hatte Hindenburg gesagt? „Die Partei wird siegen, welche die stärksten Nerven hat!“ Das Nervengift Nikotin versprach eben dies: Wachsamkeit und innere Ruhe und eine Beschäftigung während der unerträglichen Wartezeiten in Kälte und Morast. Außerdem betäubten Zigaretten den Hunger und ihr Rauch half, den allgegenwärtigen Gestank von Blut, Fäulnis und Exkrementen zu überdecken.

Rauchender Strohhalm

Je unerträglicher die Lebensbedingungen in den Schützengräben wurden, umso größere Bedeutung gewann die Zigarette für die Männer an der Front. Sie war das letzte verfügbare Mittel der Selbstinszenierung und mitunter Symbol der Menschlichkeit schlechthin. Als sich Weihnachten 1914 die gegnerischen Soldaten im Niemandsland zwischen den Fronten verbrüderten, tauschten sie Zigaretten aus. Für unzählige Soldaten war der Tabak der rettende Strohhalm, um in der sie umgebenden Hölle nicht zum Tier zu werden.

Selbst dem Feind, dem man eben noch das Seitengewehr in den Bauch gestoßen hatte, reichte man zum Sterben eine letzte Zigarette. Und blieb einmal der Tabak-Nachschub aus, hatte dies verheerende Auswirkungen auf die Moral. Als kriegswichtiges Gut half die Zigarette, den Krieg am Laufen zu halten. Und der kostete weit mehr als zwei Armeekorps junger Männer das Leben.


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Authored by: Jan Sperhake

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