Briefmarke des Monats: Kulturhauptstädte Esch und Kaunas

Briefmarke des Monats: Kulturhauptstädte Esch und Kaunas

Athen, Hauptstadt, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum und zugleich die bevölkerungsreichste und flächengrößte Stadt Griechenlands war 1985 die erste Kulturstadt Europas. Dieser Titel, der später zur Kulturhauptstadt geändert wurde, wird von der Europäischen Union vergeben und soll die Vielfalt und das Verbindende des europäischen Kulturerbes aufzeigen und zum gegenseitigen Verständnis und Miteinander beitragen. Zunächst war der Titel singulär, um nach der EU-Erweiterung auch die neuen Staaten einzubinden, wurden später jährlich zwei Kulturhauptstädte ernannt.

Drei Kulturhauptstädte

Aktuell gibt es sogar drei Kulturhauptstädte: Novi Sad für den EU-Beitragskandidaten Serbien, sowie Kaunas in Litauen und Esch-sur-Alzette in Luxemburg. Die Postverwaltungen von Luxemburg und Litauen dokumentieren ihre kulturelle Verbundenheit seit dem 17. Mai auch philatelistisch mit der Gemeinschaftsausgabe eines Blocks und eines Sonderstempels. Bereits am 22. Februar 2022 hatte die Post Luxemburg die Ernennung von Esch an der Alzette zur Kulturhauptstadt mit einer Sondermarke (MiNr. 2290) und fünf selbstklebenden Motiven in einem 10er-Markenheftchen (MiNr. 2291 bis 2295) gewürdigt.

Der aktuelle Markenblock zeigt jeweils ein Kunstwerk des litauischen Glasmalers Stasys Ušinskas (1905–1974) und des luxemburger Künstlers Alphonse Tissen (1909–1975), der von Freunden und Bekannten Foni genannt wurde. Beide waren nicht nur Zeitgenossen, sondern erwarben und vertieften ihre künstlerischen Techniken und Fertigkeiten in Paris. Tissen studierte vier Jahre an der traditionsreichsten und berühmtesten französischen Hochschule für bildende Künste, der École nationale supérieure des beaux-arts (kurz ENSBA). Ušinskas besuchte die von Fernand Léger und Amédée Ozenfant gegründete Académie Moderne.

Glasmaler Stasys Ušinskas

Stasys Ušinskas war ein litauischer Künstler mit zahlreichen Talenten. Neben der modernen Malerei betätigte er sich auch noch in den Bereichen Szenografie, Animation, Glasmalerei und Puppenspiel. Er kreierte auch dekorative Kunstgegenstände aus Glas. Im Jahr 1950 unternahm er wissenschaftliche und technische Versuche mit Buntglas, das bei niedriger Temperatur geformt werden konnte. Ušinskas experimentierte in einer Glasfabrik, wo er sich eine kleine Werkstatt mit einem kleinen, mit flüssigem Brennstoff betriebenen Ofen einrichten konnte. Dort schuf er feine Glasarbeiten im Kleinbrand: Vasen, Teller, Aquarienschalen, Lampen und kleine Glasfiguren.

Seine Glasmalereien und Buntglasarbeiten für öffentlich Gebäude, das nationale Čiurlionis-Kunstmuseum in Kaunas, die Technischen Universität Kaunas und mehrere Kirchen verschafften ihm den inoffiziellen Titel: Vater der litauischen Glasmalerei.

Tiefgründiger Alphonse Tissen

Nach seinen Grundschuljahren in Rümelingen besuchte Alphonse Tissen als weiterführende Schule das Lycée Henri Poincaré in der französischen Großstadt Nancy und studierte anschließend in Paris. 1929 unternahm er eine mehrjährige Weltreise, um im Anschluss sein Studium in München und Brüssel fortzusetzen.

Gemeinsam mit anderen Künstlern repräsentierte Tissen 1939 sein Geburtsland auf der Weltausstellung in New York. In Luxemburg arbeitete er als Lehrer. Als dort 1942 zum Generalstreik gegen die deutschen Besatzer und die Zwangsrekrutierung junger luxemburgischer Männer zur deutschen Wehrmacht aufgerufen wurde, beteiligte sich Tissen am Ausstand. Daraufhin wurde er im September 1942 verhaftet und gehörte als einer von sieben Lehrern zu den über 150 Männern, die innerhalb kürzester Zeit in das SS-Sonderlager Hinzert rund 30 Kilometer südöstlich von Trier verschleppt wurden. Ursprünglich war Hinzert als Baracken-Polizeihaftlager zur Maßregelung zwangsverpflichteter am Westwall eingesetzter Arbeiter der Organisation Todt errichtet worden. Später wurde es in die Verwaltungsstruktur der Konzentrationslager integriert und diente zunehmend zur Aufnahme von politischen Gefangenen. Die Zeit in Hinzert beeinflusste das Werk von Tissen nachhaltig, nach Kriegsende verarbeitete er das dortige Überleben unter unmenschlichen Bedingungen in mehreren Bildern. Tissen wünschte sich, dass die Kunst einen größeren Einfluss auf den menschlichen Alltag nähme. Mehrfach beauftragte ihn die Post Luxemburg mit dem Entwurf von Markenmotiven.

Komplexe Bildsprache

Zu seinem hundertsten Geburtstag widmete das Nationalmuseum für Geschichte und Kunst dem dunkelhumorigen Künstler eine große Ausstellung. Auch die Luxemburger Post nahm den runden Geburtstag zum Anlass für ein Briefmarkenporträt auf einem 70 Cent-Wert (MiNr. 1828) neben zwei seiner Werke. Die führende Tageszeitung „Luxemburger Wort“ verwies darauf, dass Selbstporträts ein beliebtes Stilmittel des Malers waren, welches er „jedoch stets auch als universell gültige Allegorie des Menschseins verstand“. So sei nichts in Foni Tissens Bildkunst simpel oder verständlich, wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheinen mag. Es bedürfe eines zweiten Hinschauens, „um zu verstehen, welch komplexe Zusammenhänge hier in Bildsprache umgesetzt werden“ schrieb die Tageszeitung des Großherzogtums und fuhr fort: „Auch wenn Tissens Pinsel sich vornehmlich an der knallig bunten Palette des Regenbogens orientiert, sind Themen wie Alter, Vergänglichkeit und Tod ihm nicht fremd.“

Der Gemeinschaftsblock von zwei beachtenswerten Künstlern, mit vieldeutigen Akt-Motiven, zu deren Hintergrund beide Postverwaltungen leider keine näheren Informationen bereitstellen, ist unser Block des Monats Juli.

Serie im gedruckten BMS

Die „Briefmarke des Monats“ ist eine Beitragsreihe in der Printausgabe des BRIEFMARKEN SPIEGEL, die wir auch online präsentieren. Jeden Monat stellen wir eine neue Briefmarke oder einen neuen Block vor. Die aktuelle Neuausgabe wurde in der Ausgabe 7/2022 vorgestellt, die seit 24. Juni  2022 im Handel erworben werden kann. Abonnenten erhalten das aktuelle Heft immer ein paar Tage vor dem Erstverkaufstag direkt in den Briefkasten und sparen dabei noch Geld.


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Authored by: Kai Böhne

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